Zeitz ist stehengebliebene Zeit

Auf seinem Tisch liegt noch der ganze Haufen; Papiere mit einer Ansammlung von Kritzeleien, Pfeilen und Anmerkungen, zwischendrin rosa blitzende Post-its. Es ist seine Doktorarbeit oder zumindest der dazu werdende Haufen. Eigentlich sollte er ihn weiter sortieren, den Haufen. Die Papiere ordnen, hin zu einer Gliederung. Doch dafür ist jetzt keine Zeit, erst wieder Dienstag. Er zieht sich die Schuhe an und trinkt den letzten Schluck aus seinem Kaffeepott. Die Tasse könnte er auch mal wieder waschen. Aber nein, nicht jetzt. In 2 Minuten will er los. Vielleicht sollte ich doch den Brief mitnehmen? Irgendwo zwischen den Pfeilen und Kritzeleien muss er sein…. Da! Beatrice. Er zieht ihn hervor. Ganz ohne Seufzer geht es noch nicht. Mit Bedacht faltet er den Brief zusammen und steckt ihn in seine Brusttasche. Jetzt aber los. Er schnallt sich den Rucksack auf den Rücken und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Auf in den Osten. Den wilden Osten. Auf zu seinen Eltern. Es ist mal wieder Zeit. Zeit für den fünfundfünfzigsten Geburtstag seines Vaters. Er läuft die Straße herunter, hin zum Bahnhof. Von seiner Wohnung ist es nicht weit. Jetzt nicht mehr an Beatrice denken, es geht nach Hause.

Zuhause bedeutet Zeitz für Paul, obwohl wirklich zuhause ist das nicht mehr. Seit über zehn Jahren wohnt er hier, in Hannover. Zuhause bedeutet für ihn nur noch Eltern. Zuhause ist sein altes Leben, das Zurückgelassene. Zuhause ist ausgestorben. Da wohnen nur Strohballen, die über die Einöde ziehen und jegliche Vielfalt verweht haben. In Mitten der Sahara wohnen seine Eltern. Hans und Magrit Klingeberg. Zweimal im Jahr fährt er zu ihnen. Weihnachten und Geburtstag oder Ostern.

Für die Reise ist Paul bepackt mit seinem Survivalkit, bestehend aus Büchern, Laptop, Tagebuch und Sportsachen, alles gegen langeweilen und festsitzen. Mehr als das muss er nicht mitnehmen. Seine Eltern haben noch alles da. Bettwäsche, Schlafzeug und sein altes Plüschtier. Sein Zimmer sieht genauso aus, wie er es verlassen hat. Wer sollte meine Eltern schon auch besuchen? Ein Gästezimmer brauchen sie nicht.

Auf seinem Weg zum Bahnhof kreuzt er seinen Lieblingsmützenladen. Doch heute sieht er nicht all die Basecaps in der Auslage liegen, stattdessen breitet sich, wie mit Graffiti drüber getackt, überall der Satz aus: „Muss ich wirklich?“. Ja, er muss. Sein Vater hat es sich gewünscht. „Wir sehen dich ja so selten.“ Am liebsten hätte er ins Telefon gesagt: „Ja, und nicht ohne Grund.“ Aber dass traut er sich nicht zu sagen.

Zeitz ist das Zuhause seiner Eltern. Für Paul ist Zeitz stehengebliebene Zeit. Stehengeblieben vor der Wende. So auch seine Eltern und das Haus, in dem sie wohnen. Er dagegen ist weiter gezogen, doch davon verstehen seine Eltern nichts.

Am Bahnhof angekommen checkt er die Uhr. Er ist immer noch im Zeitplan. Eigentlich ist Paul immer vorpünktlich, das hat er von seinen Eltern. Es bleibt genügend Zeit, um in der Schlange von Coffee and Beans zu stehen. „Ein Vanille-Latte-Macchiato mit Sojamilch“. Prüfend kostet er den Becher in seiner Hand. Alles richtig. Glück gehabt. Denn H-Milch findet er eklig, besonders die mit 3,5% Fett. Und außerdem ist es wegen den Tieren. Soja ist einfach besser.

Was Mutter wohl sagen würde?

Du und dein neumodischer Schnick-schnack. Ist dir unsere Kuh-Milch nicht mehr gut genug?

Und dabei würde ihr Dialekt aus jedem Ch ein Sch machen und aus I Ü. Zeitz ist eben stehengebliebene Zeit.

Mit seinem Kaffee in der Hand steigt er in den Zug. Sein versiertes Auge erspäht einen Vierersitz. An diesem angekommen, breitet er sich mit Jacke und Rucksack aus. Erfolgreich nimmt er drei Stühle ein. Niemand soll sich neben ihn setzten. Zur Sicherheit setzt er noch seine Kopfhörer auf jedoch ohne die Musik anzudrehen. Sollen mich alle in Ruhe lassen. Der Zug fährt los und Paul starrt aus dem Fenster. Er will denken. Grün-schwarz-braune Farbmuster wischen an ihm vorbei, mal Felder, mal Bäume.

Beatrice, warum hast du das nicht früher gesagt.

Hör auf!, ermahnt er sich. Du fährst zu deinen Eltern. Die sind jetzt dran. Das ist anstrengend genug.

Paul weiß, was ihn zuhause erwartet. Gemeinsames, stillschweigendes Tatort sehen und ein wenig Smalltalk während der Werbeeinblendungen. Sonst haben sie sich nichts zu sagen. Früher. Früher, da war es anders, da war es noch schön. Mit Papa auf dem Schotterplatz oder das Mensch-auf-Erden spielen mit all seinen Freund*innen. Die sind jetzt auch weg. In den Westen. Mama hatte immer Hubba Bubbas vom Einkaufen mitgebracht. Wir haben gepustet, bis die Wangen rot waren, nur um zu sehen, wer die größte Blase machen konnte. Ob sie heute noch gewinnen würde? Hubba Bubbas hat Paul immer noch dabei, in all seinen Jacken- und Hosentaschen. Manchmal ist das nicht so lustig, wenn er sie in der Waschmaschine mitwäscht. Aber für alle Fälle sind sie genau richtig und für alle Fälle ist der Fall für jetzt. Der Erdbeergeschmack und das beständige Kauen lenken ihn ab. Der Trick ist: langsam aufblasen. Nach zwei Versuchen schafft er es bis zur Nasenspitze. Die klirrende Ansage „Göttingen“ reißt ihn aus seinem Spiel. Schnell schultert er sein Gepäck auf und klebt den Kaugummi unter den Stuhl. Beatrice, du bleibst hier.

Im nächsten Zug dieselbe Prozedur. Schnell reinlaufen, Sitzplatz ausspähen, hinsetzen und Sachen ausbreiten. Diesmal gab es nur einen Zweier. Doch ein Zweier ist besser als ein Nachbar. Noch über zwei Stunden dauert die Fahrt bis nach Hause. Diesmal schaut Paul nicht aus dem Fenster, stattdessen sieht er sich die Leute an. Paul findet, dass man sieht, wenn man in den Osten fährt. Die Leute sehen ärmer und unmodisch aus. Die Mütter, die sind lauter und schimpfen ruppig auf ihre Kinder. Nette Worte gibt es nicht. Das ist Pauls Theorie der Osterkennung. Eine Theorie, die er selbst viel zu unpolitisch findet, um sie zu erzählen. Und doch stimmt sie. Er erkennt sie, die blondierten Haare mit schwarzen Ansatz, die Ü50 Frauen mit kolorierter Dauerwelle, die Steppjacken und die No-Name Rucksäcke. Zeitz ist eben wie stehengebliebene Zeit. Sein klingendes Telefon beendet die Ostmensch-Suche. Es ist sein Vater. Er will ihn abholen vom Bahnhof und das obwohl es nur zehn Minuten Fußweg bis nach Hause sind. Paul will nicht, doch sein Vater bleibt hartnäckig und gewinnt. Er holt ihn ab. Als Paul mit dem Zug ankommt, wartet sein Vater schon auf dem Parkplatz. Er nimmt ihm den Rucksack ab und fragt, wie die Fahrt war. Noch bevor sie zu Hause sind, drückt er ihm 50 Euro in die Hand. „Aber sag Mama nix.“ Auf Pauls Beschwerde, dass er ja promoviere und selber Geld verdiene, sagt sein Vater nur: „Früher hast du’s nicht verschmäht. Kauf dir was Hübsches von.“ Ja, früher, da hab ich’s auch gebraucht.

Seine Eltern haben sieben Jahre lang sein Studium finanziert, ohne großes Murren. Damit er nicht arbeiten musste und sich aufs Studieren konzentrieren konnte. Mhm, hat sich zumindest gelohnt, bald werde ich Doktor. 

Ihr Weg führt in die Garage ihres Hauses. Das seiner Eltern. Doch noch bevor Paul aussteigen kann, hält sein Vater ihn am Knie fest. Es geht um Mama, der es noch nicht gut geht, deren Bein noch weh tut und welches sie fast nicht spürt, eben die Bandscheibe. Sie kann sich nicht motivieren rauszugehen. Papa weiß nicht mehr weiter. Paul wird es mulmig im Magen.Was soll ich jetzt sagen? Doch ehe er zu irgendetwas kommt, beendet sein Vater das Gespräch mit einem festen Knieklopfer. Paul soll das nicht interessieren. Er ist ja so selten hier. Er soll es sich gut gehen lassen, hier in seinem Zuhause. Zuhause. Mhm. Oben in seinem Zimmer steht schon alles für ihn bereit. Das Bett ist gemacht und auf dem Kissen thront sein Plüschtier mit Goldbären in der Pfote. Die isst er so gern, das wissen seine Eltern.

Paul ist noch mit dem Ausräumen seines Rucksacks beschäftigt, während seine Eltern schon zum Abendessen rufen. Papa hat sich extra Mühe gegeben, für das Söhnchen. Zu Hause soll es ihm ja gut gehen. Nur bei seinen Eltern gibt es Lachs und frisch geröstetes Ciabatta – er selbst leistet sich das nie. Ja, lecker, doch reden wäre besser. Nun sitzen sie da, drei Menschen um einen Tisch. Immer wieder führen sie die Hand zum Mund. Die Lücken fühlt der zähe Smalltalk bis alle Themen durch sind: das Wetter, der Garten, die Dissertation, die Steuer und Oma und Opa. Dann gibt es nur noch das Essen und den Tatort. Paul hat sich daran gewöhnt. Seine Regel ist: Zusammen Essen, ein wenig gemeinsam Fernsehen und dann hoch in sein Zimmer. Er erwartet nicht mehr viel. Es sind nur zweimal drei Tage von 365. Alles ist wie gehabt, nur das mit seiner Mutter, das ist schlimmer. Mit dem Hubba Bubba würde ich gewinnen. Ihr Tagesreich scheint das Sofa zu sein. Der Frühstücksteller, die Mittagschlafdecke und ein vielfältiges Beschäftigungsangebot aus Fernsehzeitung, Telefon, Tablett und Bücher säumen ihre Kissenburg, nur das Klo fehlt nebendran. Heute Abend redet sie auch nicht viel. Noch weniger als sonst. Ihre Sätze erfüllen das immer gleiche Muster: „Ich würde ja …., aber kann nicht.“ Sein Vater ist geduldig und versucht ihr Angebote zu machen. Doch Mamas Schwere liegt über allem. Auch Papas kleine Seufzer sind nicht zu übersehen. Die sind neu. Sein Vater zieht es vor, heute Abend die Themen zu wechseln. Immer wieder bietet er Paul noch mehr leckeres Essen an und erzählt ihm, wie stolz er auf seine Dissertationsarbeit ist. Die muss erst einmal fertig werden. Noch ist sie ein wüster Haufen aus Kritzeleien, Pfeilen und Anmerkungen. Und dazwischen Beatrice. Mist. Die sollte doch in Göttingen kleben bleiben- im Zug für den Rückweg. Wie auf Abruf fragt ihn auch sein Vater: „Wollte Beatrice nicht mitkommen, so wie sonst?“. Er lügt. „Sie ist im Urlaub. Auf Kuba.“ Damit scheint das Thema abgehackt und weiter geht’s mit dem Abendverlauf. Die Hände zum Mund, die Augen auf den Fernseher. Nach der obligatorischen Stunde verabschiedet sich Paul, er müsse noch etwas lesen für die Dissertation. Für heute ist es geschafft. Er steigt die Treppen hoch in sein Zimmer und verschnauft auf dem Bett. Die Hand auf seiner Brust. Soll ich ihn doch nochmal lesen? Seine Finger kramen den Brief heraus. Sie entfalten ihn und seine Augen werden rot. Er ließt : Ich kann nicht mehr. Ich brauch eine Pause. Lass uns in Kontakt bleiben. Sein Atem ist schwer. Sieben Jahre waren es. Er und Beatrice. Sein Herz brennt, seine Augen tränen.

Mutter schnarcht. Vaters Füße laufen die Treppe hoch, ohne dass Paul es merkt. Es dauert eine Weile bis er seinen Vater sieht. Bis er die zwei Bier und die Schachtel Zigaretten in seiner Hand wahrnimmt. Papa hat es gewusst, irgendetwas mit Kuba war faul. Schweigend setzt er sich neben Paul, er reicht ihm ein offenes Bier und nimmt ihn in den Arm. Sie prosten sich zu: Auf die Scheiß-Liebe. Das ist neu, Papa und ich, abends und mit Bier. Zigarette um Zigarette folgt er seinem Vater auf den Balkon. Sie reden. Sie reden wie noch nie. Sie reden über Beatrice, die Schluss machen und doch in Kontakt bleiben will. Sie reden über Paul, dessen Atem schwer ist und dessen Tränen kullern. Doch auch Papa hat keine Lösung parat, aber eine Hand auf seinem Kopf. Sie streichelt sein Haar. So wie früher über die Flausen. Doch jetzt ist besser als früher. Sie reden. Sie reden über Mama, die nicht vorankommt. Sie reden über Papa, dessen Angst und Bemühen und dessen Kraft, die verebbt. Paul beginnt zu rudern, er will Ratschläge geben und auch seinem Vater über den Kopf streichen. Doch sein Vater winkt ab. Paul solle sich keine Sorgen machen, sein Vater würde das schon klären. Er solle sich um seinen Brief kümmern, um Beatrice. „Und du weißt, du kannst immer anrufen. Meld dich, wenn was ist.“ Mit diesen Worten geht sein Vater und nimmt die sechs leeren Bierflaschen mit. Paul legt sich hin, zu beschwipst, um die Hose auszuziehen. Alles ist jetzt egal.

Er schläft und wacht auf. Die nächsten drei Tage. Alles ist wie gehabt. Oma und Opa kommen zum Kaffee, sie reden über ihren Garten, um den sie sich nicht mehr kümmern können und fragen Paul, ob er irgendetwas braucht. Sie gucken fern und feiern Geburtstag und mittendrin verschwindet Paul immer mal wieder nach der obligatorischen Stunde. So vergeht seine Zeit zu Hause. Sie vergeht bis ihn sein Vater wieder zum Zug bringt. Und das, obwohl er zu Fuß fast schneller wäre. Nochmal drückt ihm sein Vater Geld in die Hand, Widerstand ist zwecklos. Er umarmt ihn und streicht ihm übers Haar: „Meld dich, wenn was ist.“ Mit einem letzten Winken dreht sich Paul um und steigt in den Zug. Meld dich. Er ärgert sich über sich selbst, darüber, dass er seine Eltern nur einmal im Monat anruft oder wenn er was braucht und jedes Mal ist es lustlos. Ist das unfair? Ich bin doch ihr einziges Kind.

Wie die Landschaft um den Zug, rauschen auch seine Fragen an ihm vorbei. Er lässt sie hinter sich, so wie Zeitz. In Hannover dagegen tickt die Zeit. Die Fußballfans am Bahnhof rufen ihn in den Alltag zurück. Seine Routine schleicht sich wieder ein. Tagsüber Dissertation schreiben und abends Karten spielen mit Freund*innen. Und wieder lästert er über seine Eltern, über das Fernsehen und den Smalltalk. Alles ist wie früher. Fast. Nur dass öfters das Telefon klingelt. Es ist sein Vater, er ruft ihn an, regelmäßig. Sie reden über Beatrice und Mutter. Ein paar Wochen lang bis Paul, auf den Rat seines Vaters, das Paket an sie abschickt. Ihr Teddy und ihr Schlaf-T-Shirt. Jetzt ist es wirklich vorbei.

Mit der Zeit vergehen der Schmerz und auch die Anrufe. Aber das Paket, das ist richtig. Mit diesem Gedanken übergibt er es der Postfrau. Es ist für Hans Klingeberg, seinen Vater. Es klimpert. In ihm sind sechs Bier und eine Schachtel Zigaretten. Fürs nächste Mal.

 

 

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