Salz im Ohr

(veröffentlicht in PS#3)

Wenn es nach mir ginge, dann müsste es dieses Weihnachtsfest nicht geben.

Seit einer halben Stunde sitzt Patrick in seinem Auto und brummelt vor sich hin. Brummeln findet er besser als Herzrasen. Das Auto seines Bruders und das seiner Eltern, beide, hat er schon vorbeifahren sehen. Als er die Scheinwerfer kommen sah, hat er sich unters Lenkrad geduckt und gewartet bis die Motoren verstummten und die Stimmen im Haus verschwanden.

Scheiß drauf. Patrick dreht den Autoschlüssel um und schaltet den Getriebeknauf auf drive. Er wendet und fährt aus der Einfamilienhaussiedlung raus, zurück auf die Hauptstraße.

Tzt. Schisser, du! Mit einem festen Tritt auf die Bremse bringt er das Auto zum Stehen. Er dreht um und parkt wieder ein. Nun ist er bereit auszusteigen, doch daran hindern ihn seine Gedanken. Sie legen sich wie der Sicherheitsgurt um ihn und blockieren seine Bewegung. Sie werden mich zerhäckseln, in Stücke teilen, aufspießen und fressen. Die Gedanken bilden ein immer dichter werdendes Netz um ihn, sodass das Haus vor seinen Augen erst verschwimmt und dann verschwindet.

 „Au!“ Patricks Finger sind blassrosa, blau gefleckt und stechen vor Kälte. Mit Atemluft versucht er sie zu wärmen, dabei fällt sein Blick auf die beschlagene Frontschreibe. Eiskristalle und Dunst haben sich ausgebreitet. Er wischt sich ein Sichtfenster frei, um das Geschehen im Wohnzimmer beobachten zu können. Eins, zwei, drei, vier, fünf… sechs! Sein Atem stockt. Sechs. Sie sind alle da. Aber – was, wenn es wird wie zum Abiball? Ey, Mann. Warum bin ich nur hergekommen?

Die Antwort ist einfach. Seine Mutter hatte ihn gebeten. Nein! Eine Bitte war es nicht. Es war eher eine Anklage. Sie hatte gesagt: „Sabine, wenigstens dieses Jahr! Und du weißt doch, Oma und Opa, die fragen schon, ob sie dich nochmal sehen.“

Ja. Oma und Opa. Und dieses Sabine!

Er hatte es genau gehört. Es war wie wenn man Salz anstelle von Zucker isst. Pures Salz – das merkt man einfach. Und es hinterlässt einen Geschmack, den man nur gequält runterschlucken kann.

Er hatte seiner Mutter gesagt, er müsse in seinem Terminplaner nachsehen. Doch stattdessen hatte er Annika angerufen, um schon 30 Minuten später auf ihrem Küchensofa im Zigarettendunst zu sitzen. Ohne etwas zu sagen, hatte er das kühle Bier bis zum letzten Schluck der zweiten Flasche seine Kehle hinunterlaufen lassen. Erst danach war er soweit. „Die akzeptieren mich und meine Entscheidung doch nicht, wenn sie immer noch Sabine sagen. Ja klar, brauchen sie Zeit. Aber! Sie wissen es seit über einem Jahr. Und, stell dir vor, was wenn meine Großeltern sagen, sie seien zu alt für so’n Schmarrn? “ Er ließ seine wild gestikulierende Hand aufs Sofa knallen um daraufhin das nächste Bier zu öffnen. Annika drehte sich zum Kühlschrank und holte den Anisschnaps heraus. „Mhm? Heut is das das Richtige, oder?“ Er nickte und sie begannen, abwechselnd aus der Flasche zu trinken. Der letzte Schluck endete mit einem lauten Rülpser von Annika. Sie guckten sich mit ihren rot gewordenen Gesichtern an und prusteten vor Lachen. Immer wieder musste einer loslachen, wenn gerade Ruhe einkehrte und das wiederum steckte den anderen an. Ihr Gelächter hielt so lange an, bis ihre Bäuche schmerzten und sie langsam atmend versuchten, zur Ruhe zu kommen. Patrick blickte sie an. „Das war gut. … Aber weißt du, ich will se’ nich verliern! Erst recht nich jetz, jetz, wo es mir so sauu gut geht.“ Mit einem Kopfschütteln hatte Annika ihn zu sich herangezogen. „So’n Quatsch! Hab doch keene Angst. Is doch Familiiee, Mänsch. Die lieben dich. Und außerdem musst du da irgendwann hin. Oder willst du niieee mehr nach Hause?“

Jetzt komm! Patrick steht auf und schließt die Tür hinter sich zu. Über das Dach des Autos blickend sieht er den mit Tannen bewachsenen Hügel und muss grinsen. Beim Schlitten fahren hatte Papa immer Angst gegen die Bäume zu prallen. Trotzdem ist er mitgekommen. Ich musste nur traurig gucken. Stöße, die von innen gegen seine Kopfwand pochen, reißen ihn aus den Gedanken. Sie senden Wellen aus Hitze, Schweiß und Kälte durch seinen Körper. An was Schönes Denken! Vater. Schnee. Annika. … Ritter! Er greift in seine Hosentasche und spürt das kleine Plastik-Schwert.

„Hiiiieeer ! Nimm mit! Als Ärrinerung. Und denk dran: So ist alles rischtisch. Und du! Du bist auch rischtisch!“ Daraufhin hatte Annika ihm kichernd einen Playmobilritter in den BH gesteckt und ihn nach Hause geschickt.

Rischtisch! Mit dem Ritter in der Hand läuft er auf die Hausnummer 47 zu. „Herzlich willkommen bei Schuhmanns“, Die beiden mit einem Herz umrandeten Tontauben stechen in sein Auge. Tzt. Meine Eltern und ihre Tauben.

Er hört die Stimme seines Freundes Thorsten, der ihn damals auf der Rückfahrt von seinen Eltern mitten in der Nacht anrief und schluchzend erzählte, wie sie auf sein Outing reagierten hatte.

Da ist es wieder, das Pochen in seinen Schläfen. Um sich abzulenken, krallt Patrick seine Finger fest um den Ritter, bis sich das Plastik in seine Haut bohrt. Du musst keene Angst haben. Das hatte Annika gesagt, als er noch im Türrahmen stand. „Und, was hilft mir das jetzt?“ Wie haben sie wohl reagiert haben, als Mutter es ihnen erzählt hat? Hätt´ ich’s doch nur selbst gesagt!

 „Ooooh! Hab dich ja gar nicht kommen gehört.“ Patrick zuckt zusammen und bleibt steif wie ein Stift stehen. Ein Stift, der kein Atmen mehr kennt und dessen Augen starr auf die Tür gerichtet sind. Ein Stift, für den es nur noch einen kleinen Aufprall braucht, bis sein Inneres bricht. „Schön dass du da bist, mein Schatz.“ Der Stift wird wieder beweglich, zumindest ein wenig. Seine Mutter läuft auf ihn zu, umarmt ihn und platziert einen dicken Kuss auf seiner Wange.

Es ist soweit. Der Angeklagte muss den Gerichtssaal betreten und sich den Richtern und Staatsanwälten stellen.

„Alle anderen sind schon da und haben nach dir gefragt. Hört ihr, Sabine ist da!“, In Patrick steigt Hitze auf und treibt ihm Tränen in die Augen. Da ist es wieder: Salz im Ohr. Während seine Mutter ihm die Jacke abnimmt, nickt sie anerkennend. „Schicker Anzug. Richtig schnieke. Siehst aus wie n’ flotter, junger Mann.“ Er wischt sich die Augen und versucht zu grinsen. „Wo bleibt ihr denn?“, brummt die Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer. Mit einem „Jaja. Wir kommen schon.“ schiebt ihn seine Mutter in den Flur. Patrick sieht das fahle Kerzenlicht aus der Wohnzimmertür scheinen. Es sind fünf Meter bis zur Tür. Los. Weg nach Hause! Doch Patrick läuft und ihr Reden wird lauter. Seine Schläfen pochen. Er muss an seine Freund*innen denken, an Joe und Leon und das Toilettenverbot in der Schule. Die Wände rücken auf ihn zu. Er denkt an Emma auf der Akutstation für Männer. Die Decke drückt auf seinen Kopf. Und da ist John, der keinen neuen Perso bekommt. Alles verschwimmt vor seinen Augen und wird zu einem Brei aus dunkler Masse. „Du musst keene Angst haben. Sie lieben dich.“ Er läuft weiter, bis seine Hand an Holz stößt. Es ist das Holz des Türrahmens. Und nun steht er im Licht.

Vom Wohnzimmertisch aus drehen sich fünf Köpfe in seine Richtung. Schlagartig kehrt Ruhe ein. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Sie mustern ihn. Sie reißen die Augen auf, sehen seinen Bart und die Kanten in seinem Gesicht. Sie recken ihre Hälse, sehen die Muskeln auf seinen Schultern und die Haare auf seinem Arm. Sie rutschen auf ihren Stühlen hin und her, blicken nach links und nach rechts und sehen seine Brust. Seine Oma flüstert Opa ins Ohr. Zeitgleich räuspert sich Monika und schielt zu Martin. Er nickt ihr zu. Mama und Papa halten das Lächeln. Patrick steht immer noch in der Tür. Seine Fingernägel bohren sich in die Silikonfuge des Türrahmens. Glotzt nur! Kommt ran und fasst an! Heute hier auf der Präsentierfläche: nicht der kleinwüchsige Clown oder das zweiköpfige Pferd, sondern Patrick-Sabine. Nur heute für Sie! Patrick will explodieren und ein Feuer entfachen. Stattdessen durchbricht seine Oma die Stille. „Na endlich sieht man dich mal wieder. Lass dich drücken.“ Fast mechanisch geht er zu ihr und lässt sich umarmen. Sie reicht ihn weiter zu Opa, Papa und zu seinem Bruder, sie alle drücken ihn fest an sich. Zuletzt landet er bei seiner Schwester, die wuschelt durch sein Haar, fast so wie früher. „Darf ich mal anfassen?“, doch ehe er antworten, nicken oder den Kopf schütteln kann, fährt sie mit ihrer Hand über seinen Bart. „Hoh! Das sind ja richtig harte Stoppeln so wie bei dir.“ ruft sie quer über den Tisch zu seinem Bruder. Mit wütendem Blick stößt Patrick ihre Hand weg. „Was denn?“, zischt sie. „Muss man doch mal anfassen dürfen.“ „Lass mich.“, sagt Patrick und dreht sich weg. „Und wie war die Fahrt?“, lenkt sein Vater ein. Patrick schluckt, er soll jetzt also reden. „Mhm, ja war ganz gut. Bin gut durchkommen.“ Während er spricht, hört Martin auf zu Essen, und schaut ihn mit offenem Mund an. Auch die anderen legen ihre Kekse zurück auf die Teller und starren. „Ähm äh ja war kein Stau. War alles frei.“ „Ja Mensch! Die Stimme. Wahnsinn! Hätt ich nicht wieder erkannt.“, sprudelt es aus seinem Opa heraus. „Klingt wie bei einem Mann, wie bei seinem Bruder.“ fügt seine Oma hinzu. Patrick durchströmt Hitze. Sie steigt in seinen Kopf und treibt ihm Röte ins Gesicht. Er spürt Funken in seinen Augen. Es sind Funken aus Tränen und Feuer.

Wie bei einem Mann.

Während er versucht, die Tränen zu unterdrücken, stimmt seine Schwester den anderen zu. „Ein richtiger Bass. Der vibriert sogar bis hier.“ „Komm, sag noch mal was.“, fordert ihn sein Bruder auf. Schweiß bildet sich auf seiner Stirn. „Ähm… Was soll ich denn sagen?“

Erst nach einer Weile beendet sein Opa die Stille:„Ja erzähl doch mal, was du die letzten zwei Jahre so getrieben hast.“ Wie eine Ohrfeige trifft ihn die Stimme. „Äh… Ja, äh, gleich. Muss kurz aufs Klo.“ Eilig steht Patrick auf und verschwindet in den Flur, dorthin wo ihn niemand mehr sehen kann. Er atmet durch. Wieder etwas erholt, kramt er den Ritter aus seiner Tasche und betrachtet ihn mit seinem blauen Helm und dem silbernen Schwert.

Was soll ich sagen? Soll ich ihnen sagen, wie es war? Soll ich ihnen erzählen von meinen Gedanken auf Achterbahnfahrt? Davon, wie sie im Eiltempo immer hin und her gerast sind zwischen Mann und Frau. Und ich? Ich war immer mittendrin und ohne Pause. Kotzübel war mir von all dem. – Wie sollen sie das verstehen?! Und verstehen sie etwas von dem leuchtend-blauen Licht, dass immer oben am Ende der Achterbahn zu sehen war? Das, wohin ich wollte und da wo ich jetzt bin. Verstehen sie dieses endlich wieder Atmen können und das Ankommen auf festem Boden? Und was wenn sie Löcher in diesen Boden unter meinen Füßen graben? Nichts sag ich! Aber sie sollen es doch verstehen.

Er lässt den Ritter durch seine Finger gleiten. Schon einige Gefechte hat er gewonnen, aber es warten noch weitere. Er steckt ihn wieder ein und geht zurück ins Wohnzimmer. Dort reden sie inzwischen über Rindenmulch für Gartenrosen. Glück gehabt! Doch sein Opa hat es nicht vergessen. „Und, was war nun die letzten zwei Jahre wichtiger als wir?“ „Naja. Also. Ähm. Ich hatte auf Arbeit ganz schön viel zu tun.“ Er hält den Ritter fest. „Und die Sache hier, mit all dem, das war auch nicht gerade ne’ Spazierfahrt.“ Geschafft!„War ja auch deine Entscheidung, das hier“, kommentiert sein Bruder und wedelt mit den Fingern in Richtung seines Bartes. Patrick spürt das Loch unter seinen Füßen. „Er wird schon wissen was er macht. Nich’ mein Großer?“ sagt seine Mutter und streichelt Patrick über den Rücken. Doch der spürt nur wie er fällt. Seine Mutter spricht weiter. „Hauptsache wir können heute zusammen feiern und jetzt das feine Essen genießen. Guten Appetit euch!“ Sie nimmt sich den Servierlöffel, um den Lachs aufzutun, das Gemüse und den Reis. Die anderen folgen ihrem Aufruf und schaufeln beladene Gabeln in ihre Münder. Nur Patrick stochert in seinem Essen. Arschloch!

Während er stochert, frönen die anderen ihrer Tischgesellschaft und dem Essen. Schon bald ist von Oma zu hören „Oh, ist das lecker. Also der Lachs mit den Kräutern. Ist das Rosmarin oder Thymian?“. Seine Mutter bestätigt, dass es Rosmarin sei und sein Opa ergänzt, dass sie den auch im Garten anbauen. Der Garten ist für seinen Bruder das Stichwort. „Gibt’s dort noch die Nachbarsschafe? Wisst ihr, die vor denen Moni immer weggerannt ist?“ Zu seiner Schwester gedreht sagt er, „Weißt du noch, wie du dabei aussahst?!“ Er blickt sie an wie ein wildgewordenes Frettchen und quietscht und schreit. Alle müssen lachen, sogar Patrick ein bisschen. Nur seine Schwester ist wenig amüsiert. „Haha, witzig. Und wer war das nochmal mit der Wespe am Schniedelwutz? Du hast so laut geschrien, dass sogar der Nachbar von unten kam.“ Es kommt eins zum anderen. Sie kramen in ihren Erinnerungen und lachen über das gemeinsam Erlebte. Währenddessen schwindet der Lachs, selbst Patricks Teller leert sich. Mit einem „Puh, jetzt bin ich aber voll.“ lehnt sich sein Bruder zurück und tupft sich die Soßenreste vom Mund. „Du Patrick, aber eins muss ich noch fragen: Auf welches Klo gehst du jetzt eigentlich? Und wie machst du das? Also ich mein, kannst du im Stehen?“ Patrick bleibt das letzte Reiskorn wie ein Balken quer in der Kehle stecken. Mit hochrotem Kopf beginnt er zu husten. Sein Bruder wartet auf eine Antwort. Und mittlerweile wartet nicht nur er – alle warten auf ihn. Wixer! Soll ich dich fragen, wie du es mit deiner Freundin treibst? Patrick will ihn den Teller ins Gesicht schmeißen und restlichen Erbsen in die Ohren stopfen. Er will sich selbst ins Bett werfen und unter der Zudecke verkriechen. Patrick räuspert sich „Naja – Es gibt da so Hilfsmittel, mit denen geht das oder man lässt sich halt operieren.“ „Aber nein, das machst du nicht! Du willst doch nicht an dir rumschnippeln lassen, oder!“, sagt seine Oma. „Nicht das du’s später wieder anders willst.“ unterstützt sie Opa. „Muss er doch selbst wissen!“, entgegnet seine Mutter „Naja, aber ist doch gefährlich.“, kontert Monika. Bestimmend sagt sein Vater „Das muss er selbst entscheiden und nicht ihr.“ Beklemmt gucken sie auf den Boden. „Und, wie ist es?“, fragt seine Schwester „Was machst du?“ „Werd ich schon sehen was ich mach!“ zischt Patrick und schnappt sich seine Zigarettenschachtel. Raus! Während er geht, hört er noch wie seine Mutter die anderen ermahnt. „Das ist doch seine Sache und außerdem, so was fragt man nicht am Tisch.“ „Wollt’s halt wissen.“ entgegnet sein Bruder.

Patrick schließt die Balkontür hinter sich und endlich hört er nichts mehr außer gedämpftem Straßenlärm. Er genießt das kalte Prickeln der frischen Luft auf seiner Haut. Zur Ablenkung kramt er sein Handy hervor und sieht eine Nachricht von Annika: „Wie geht’s dir? Lebst du noch? Sind sie nett? Wenn was is, ruf an.“

Er lächelt und schreibt: „Läuft ganz gut.“

 

Zeitz ist stehengebliebene Zeit

Auf seinem Tisch liegt noch der ganze Haufen; Papiere mit einer Ansammlung von Kritzeleien, Pfeilen und Anmerkungen, zwischendrin rosa blitzende Post-its. Es ist seine Doktorarbeit oder zumindest der dazu werdende Haufen. Eigentlich sollte er ihn weiter sortieren, den Haufen. Die Papiere ordnen, hin zu einer Gliederung. Doch dafür ist jetzt keine Zeit, erst wieder Dienstag. Er zieht sich die Schuhe an und trinkt den letzten Schluck aus seinem Kaffeepott. Die Tasse könnte er auch mal wieder waschen. Aber nein, nicht jetzt. In 2 Minuten will er los. Vielleicht sollte ich doch den Brief mitnehmen? Irgendwo zwischen den Pfeilen und Kritzeleien muss er sein…. Da! Beatrice. Er zieht ihn hervor. Ganz ohne Seufzer geht es noch nicht. Mit Bedacht faltet er den Brief zusammen und steckt ihn in seine Brusttasche. Jetzt aber los. Er schnallt sich den Rucksack auf den Rücken und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Auf in den Osten. Den wilden Osten. Auf zu seinen Eltern. Es ist mal wieder Zeit. Zeit für den fünfundfünfzigsten Geburtstag seines Vaters. Er läuft die Straße herunter, hin zum Bahnhof. Von seiner Wohnung ist es nicht weit. Jetzt nicht mehr an Beatrice denken, es geht nach Hause.

Zuhause bedeutet Zeitz für Paul, obwohl wirklich zuhause ist das nicht mehr. Seit über zehn Jahren wohnt er hier, in Hannover. Zuhause bedeutet für ihn nur noch Eltern. Zuhause ist sein altes Leben, das Zurückgelassene. Zuhause ist ausgestorben. Da wohnen nur Strohballen, die über die Einöde ziehen und jegliche Vielfalt verweht haben. In Mitten der Sahara wohnen seine Eltern. Hans und Magrit Klingeberg. Zweimal im Jahr fährt er zu ihnen. Weihnachten und Geburtstag oder Ostern.

Für die Reise ist Paul bepackt mit seinem Survivalkit, bestehend aus Büchern, Laptop, Tagebuch und Sportsachen, alles gegen langeweilen und festsitzen. Mehr als das muss er nicht mitnehmen. Seine Eltern haben noch alles da. Bettwäsche, Schlafzeug und sein altes Plüschtier. Sein Zimmer sieht genauso aus, wie er es verlassen hat. Wer sollte meine Eltern schon auch besuchen? Ein Gästezimmer brauchen sie nicht.

Auf seinem Weg zum Bahnhof kreuzt er seinen Lieblingsmützenladen. Doch heute sieht er nicht all die Basecaps in der Auslage liegen, stattdessen breitet sich, wie mit Graffiti drüber getackt, überall der Satz aus: „Muss ich wirklich?“. Ja, er muss. Sein Vater hat es sich gewünscht. „Wir sehen dich ja so selten.“ Am liebsten hätte er ins Telefon gesagt: „Ja, und nicht ohne Grund.“ Aber dass traut er sich nicht zu sagen.

Zeitz ist das Zuhause seiner Eltern. Für Paul ist Zeitz stehengebliebene Zeit. Stehengeblieben vor der Wende. So auch seine Eltern und das Haus, in dem sie wohnen. Er dagegen ist weiter gezogen, doch davon verstehen seine Eltern nichts.

Am Bahnhof angekommen checkt er die Uhr. Er ist immer noch im Zeitplan. Eigentlich ist Paul immer vorpünktlich, das hat er von seinen Eltern. Es bleibt genügend Zeit, um in der Schlange von Coffee and Beans zu stehen. „Ein Vanille-Latte-Macchiato mit Sojamilch“. Prüfend kostet er den Becher in seiner Hand. Alles richtig. Glück gehabt. Denn H-Milch findet er eklig, besonders die mit 3,5% Fett. Und außerdem ist es wegen den Tieren. Soja ist einfach besser.

Was Mutter wohl sagen würde?

Du und dein neumodischer Schnick-schnack. Ist dir unsere Kuh-Milch nicht mehr gut genug?

Und dabei würde ihr Dialekt aus jedem Ch ein Sch machen und aus I Ü. Zeitz ist eben stehengebliebene Zeit.

Mit seinem Kaffee in der Hand steigt er in den Zug. Sein versiertes Auge erspäht einen Vierersitz. An diesem angekommen, breitet er sich mit Jacke und Rucksack aus. Erfolgreich nimmt er drei Stühle ein. Niemand soll sich neben ihn setzten. Zur Sicherheit setzt er noch seine Kopfhörer auf jedoch ohne die Musik anzudrehen. Sollen mich alle in Ruhe lassen. Der Zug fährt los und Paul starrt aus dem Fenster. Er will denken. Grün-schwarz-braune Farbmuster wischen an ihm vorbei, mal Felder, mal Bäume.

Beatrice, warum hast du das nicht früher gesagt.

Hör auf!, ermahnt er sich. Du fährst zu deinen Eltern. Die sind jetzt dran. Das ist anstrengend genug.

Paul weiß, was ihn zuhause erwartet. Gemeinsames, stillschweigendes Tatort sehen und ein wenig Smalltalk während der Werbeeinblendungen. Sonst haben sie sich nichts zu sagen. Früher. Früher, da war es anders, da war es noch schön. Mit Papa auf dem Schotterplatz oder das Mensch-auf-Erden spielen mit all seinen Freund*innen. Die sind jetzt auch weg. In den Westen. Mama hatte immer Hubba Bubbas vom Einkaufen mitgebracht. Wir haben gepustet, bis die Wangen rot waren, nur um zu sehen, wer die größte Blase machen konnte. Ob sie heute noch gewinnen würde? Hubba Bubbas hat Paul immer noch dabei, in all seinen Jacken- und Hosentaschen. Manchmal ist das nicht so lustig, wenn er sie in der Waschmaschine mitwäscht. Aber für alle Fälle sind sie genau richtig und für alle Fälle ist der Fall für jetzt. Der Erdbeergeschmack und das beständige Kauen lenken ihn ab. Der Trick ist: langsam aufblasen. Nach zwei Versuchen schafft er es bis zur Nasenspitze. Die klirrende Ansage „Göttingen“ reißt ihn aus seinem Spiel. Schnell schultert er sein Gepäck auf und klebt den Kaugummi unter den Stuhl. Beatrice, du bleibst hier.

Im nächsten Zug dieselbe Prozedur. Schnell reinlaufen, Sitzplatz ausspähen, hinsetzen und Sachen ausbreiten. Diesmal gab es nur einen Zweier. Doch ein Zweier ist besser als ein Nachbar. Noch über zwei Stunden dauert die Fahrt bis nach Hause. Diesmal schaut Paul nicht aus dem Fenster, stattdessen sieht er sich die Leute an. Paul findet, dass man sieht, wenn man in den Osten fährt. Die Leute sehen ärmer und unmodisch aus. Die Mütter, die sind lauter und schimpfen ruppig auf ihre Kinder. Nette Worte gibt es nicht. Das ist Pauls Theorie der Osterkennung. Eine Theorie, die er selbst viel zu unpolitisch findet, um sie zu erzählen. Und doch stimmt sie. Er erkennt sie, die blondierten Haare mit schwarzen Ansatz, die Ü50 Frauen mit kolorierter Dauerwelle, die Steppjacken und die No-Name Rucksäcke. Zeitz ist eben wie stehengebliebene Zeit. Sein klingendes Telefon beendet die Ostmensch-Suche. Es ist sein Vater. Er will ihn abholen vom Bahnhof und das obwohl es nur zehn Minuten Fußweg bis nach Hause sind. Paul will nicht, doch sein Vater bleibt hartnäckig und gewinnt. Er holt ihn ab. Als Paul mit dem Zug ankommt, wartet sein Vater schon auf dem Parkplatz. Er nimmt ihm den Rucksack ab und fragt, wie die Fahrt war. Noch bevor sie zu Hause sind, drückt er ihm 50 Euro in die Hand. „Aber sag Mama nix.“ Auf Pauls Beschwerde, dass er ja promoviere und selber Geld verdiene, sagt sein Vater nur: „Früher hast du’s nicht verschmäht. Kauf dir was Hübsches von.“ Ja, früher, da hab ich’s auch gebraucht.

Seine Eltern haben sieben Jahre lang sein Studium finanziert, ohne großes Murren. Damit er nicht arbeiten musste und sich aufs Studieren konzentrieren konnte. Mhm, hat sich zumindest gelohnt, bald werde ich Doktor. 

Ihr Weg führt in die Garage ihres Hauses. Das seiner Eltern. Doch noch bevor Paul aussteigen kann, hält sein Vater ihn am Knie fest. Es geht um Mama, der es noch nicht gut geht, deren Bein noch weh tut und welches sie fast nicht spürt, eben die Bandscheibe. Sie kann sich nicht motivieren rauszugehen. Papa weiß nicht mehr weiter. Paul wird es mulmig im Magen.Was soll ich jetzt sagen? Doch ehe er zu irgendetwas kommt, beendet sein Vater das Gespräch mit einem festen Knieklopfer. Paul soll das nicht interessieren. Er ist ja so selten hier. Er soll es sich gut gehen lassen, hier in seinem Zuhause. Zuhause. Mhm. Oben in seinem Zimmer steht schon alles für ihn bereit. Das Bett ist gemacht und auf dem Kissen thront sein Plüschtier mit Goldbären in der Pfote. Die isst er so gern, das wissen seine Eltern.

Paul ist noch mit dem Ausräumen seines Rucksacks beschäftigt, während seine Eltern schon zum Abendessen rufen. Papa hat sich extra Mühe gegeben, für das Söhnchen. Zu Hause soll es ihm ja gut gehen. Nur bei seinen Eltern gibt es Lachs und frisch geröstetes Ciabatta – er selbst leistet sich das nie. Ja, lecker, doch reden wäre besser. Nun sitzen sie da, drei Menschen um einen Tisch. Immer wieder führen sie die Hand zum Mund. Die Lücken fühlt der zähe Smalltalk bis alle Themen durch sind: das Wetter, der Garten, die Dissertation, die Steuer und Oma und Opa. Dann gibt es nur noch das Essen und den Tatort. Paul hat sich daran gewöhnt. Seine Regel ist: Zusammen Essen, ein wenig gemeinsam Fernsehen und dann hoch in sein Zimmer. Er erwartet nicht mehr viel. Es sind nur zweimal drei Tage von 365. Alles ist wie gehabt, nur das mit seiner Mutter, das ist schlimmer. Mit dem Hubba Bubba würde ich gewinnen. Ihr Tagesreich scheint das Sofa zu sein. Der Frühstücksteller, die Mittagschlafdecke und ein vielfältiges Beschäftigungsangebot aus Fernsehzeitung, Telefon, Tablett und Bücher säumen ihre Kissenburg, nur das Klo fehlt nebendran. Heute Abend redet sie auch nicht viel. Noch weniger als sonst. Ihre Sätze erfüllen das immer gleiche Muster: „Ich würde ja …., aber kann nicht.“ Sein Vater ist geduldig und versucht ihr Angebote zu machen. Doch Mamas Schwere liegt über allem. Auch Papas kleine Seufzer sind nicht zu übersehen. Die sind neu. Sein Vater zieht es vor, heute Abend die Themen zu wechseln. Immer wieder bietet er Paul noch mehr leckeres Essen an und erzählt ihm, wie stolz er auf seine Dissertationsarbeit ist. Die muss erst einmal fertig werden. Noch ist sie ein wüster Haufen aus Kritzeleien, Pfeilen und Anmerkungen. Und dazwischen Beatrice. Mist. Die sollte doch in Göttingen kleben bleiben- im Zug für den Rückweg. Wie auf Abruf fragt ihn auch sein Vater: „Wollte Beatrice nicht mitkommen, so wie sonst?“. Er lügt. „Sie ist im Urlaub. Auf Kuba.“ Damit scheint das Thema abgehackt und weiter geht’s mit dem Abendverlauf. Die Hände zum Mund, die Augen auf den Fernseher. Nach der obligatorischen Stunde verabschiedet sich Paul, er müsse noch etwas lesen für die Dissertation. Für heute ist es geschafft. Er steigt die Treppen hoch in sein Zimmer und verschnauft auf dem Bett. Die Hand auf seiner Brust. Soll ich ihn doch nochmal lesen? Seine Finger kramen den Brief heraus. Sie entfalten ihn und seine Augen werden rot. Er ließt : Ich kann nicht mehr. Ich brauch eine Pause. Lass uns in Kontakt bleiben. Sein Atem ist schwer. Sieben Jahre waren es. Er und Beatrice. Sein Herz brennt, seine Augen tränen.

Mutter schnarcht. Vaters Füße laufen die Treppe hoch, ohne dass Paul es merkt. Es dauert eine Weile bis er seinen Vater sieht. Bis er die zwei Bier und die Schachtel Zigaretten in seiner Hand wahrnimmt. Papa hat es gewusst, irgendetwas mit Kuba war faul. Schweigend setzt er sich neben Paul, er reicht ihm ein offenes Bier und nimmt ihn in den Arm. Sie prosten sich zu: Auf die Scheiß-Liebe. Das ist neu, Papa und ich, abends und mit Bier. Zigarette um Zigarette folgt er seinem Vater auf den Balkon. Sie reden. Sie reden wie noch nie. Sie reden über Beatrice, die Schluss machen und doch in Kontakt bleiben will. Sie reden über Paul, dessen Atem schwer ist und dessen Tränen kullern. Doch auch Papa hat keine Lösung parat, aber eine Hand auf seinem Kopf. Sie streichelt sein Haar. So wie früher über die Flausen. Doch jetzt ist besser als früher. Sie reden. Sie reden über Mama, die nicht vorankommt. Sie reden über Papa, dessen Angst und Bemühen und dessen Kraft, die verebbt. Paul beginnt zu rudern, er will Ratschläge geben und auch seinem Vater über den Kopf streichen. Doch sein Vater winkt ab. Paul solle sich keine Sorgen machen, sein Vater würde das schon klären. Er solle sich um seinen Brief kümmern, um Beatrice. „Und du weißt, du kannst immer anrufen. Meld dich, wenn was ist.“ Mit diesen Worten geht sein Vater und nimmt die sechs leeren Bierflaschen mit. Paul legt sich hin, zu beschwipst, um die Hose auszuziehen. Alles ist jetzt egal.

Er schläft und wacht auf. Die nächsten drei Tage. Alles ist wie gehabt. Oma und Opa kommen zum Kaffee, sie reden über ihren Garten, um den sie sich nicht mehr kümmern können und fragen Paul, ob er irgendetwas braucht. Sie gucken fern und feiern Geburtstag und mittendrin verschwindet Paul immer mal wieder nach der obligatorischen Stunde. So vergeht seine Zeit zu Hause. Sie vergeht bis ihn sein Vater wieder zum Zug bringt. Und das, obwohl er zu Fuß fast schneller wäre. Nochmal drückt ihm sein Vater Geld in die Hand, Widerstand ist zwecklos. Er umarmt ihn und streicht ihm übers Haar: „Meld dich, wenn was ist.“ Mit einem letzten Winken dreht sich Paul um und steigt in den Zug. Meld dich. Er ärgert sich über sich selbst, darüber, dass er seine Eltern nur einmal im Monat anruft oder wenn er was braucht und jedes Mal ist es lustlos. Ist das unfair? Ich bin doch ihr einziges Kind.

Wie die Landschaft um den Zug, rauschen auch seine Fragen an ihm vorbei. Er lässt sie hinter sich, so wie Zeitz. In Hannover dagegen tickt die Zeit. Die Fußballfans am Bahnhof rufen ihn in den Alltag zurück. Seine Routine schleicht sich wieder ein. Tagsüber Dissertation schreiben und abends Karten spielen mit Freund*innen. Und wieder lästert er über seine Eltern, über das Fernsehen und den Smalltalk. Alles ist wie früher. Fast. Nur dass öfters das Telefon klingelt. Es ist sein Vater, er ruft ihn an, regelmäßig. Sie reden über Beatrice und Mutter. Ein paar Wochen lang bis Paul, auf den Rat seines Vaters, das Paket an sie abschickt. Ihr Teddy und ihr Schlaf-T-Shirt. Jetzt ist es wirklich vorbei.

Mit der Zeit vergehen der Schmerz und auch die Anrufe. Aber das Paket, das ist richtig. Mit diesem Gedanken übergibt er es der Postfrau. Es ist für Hans Klingeberg, seinen Vater. Es klimpert. In ihm sind sechs Bier und eine Schachtel Zigaretten. Fürs nächste Mal.