Auf zur Schlacht. Versuch: XY

[…] Es ist er. Nicht sie. Das ist verwirrend. Ja es ist. Er. Ganz sicher? Ja.

Wie geht das? Unverständlich, verwirrend. Keine Ahnung. Ist ein Gefühl. Wohlfühlen. Frei sein. Er sein. Ich sein. Zu Hause sein. Identität. Ich bin. Mann. Transmann. Das bin ich. Frei. Kann fliegen ohne Grenzen. Atmen. Tief atmen. Mich im Sonnenschein fallen lassen.

 

Es ist Herr. Nicht Frau. Nicht sie sondern er.

Früher doch aber Frau? Doch aber immer noch? Doch aber seh ich doch – Brust. Beine. Po. Doch aber hör ich doch- Stimme. Lachen. Reden. Vagina?

Geschlechtsmerkmale terziär, primär sekundär. Fuck off.

Erklären muss ich mich. Meine Identität skeletieren muss ich. Intimes Fremden anvertrauen. Mich nackt machen. Seelenstripdease in der Fussgänger*innenzone. .. Und Obacht: immer höflich und freundlich sein dabei.

Ja verwirrend. Ja, Unverständlich. Ist eben Ambivalent. Körper Frau. …

Ja. Bravo. Richtig geraten.

Gedanken, Gefühl. Mann. Phantasie, Identität. Mann.

Unverständlich. verwirrend. Wieso den bloß?

Keine Ahnung. Kann ich nicht erklären. Ist eben ein Gefühl. Wohlfühlen. Frei sein. Er sein. Ich sein. Zu Hause sein. Identität. Will fliegen ohne Grenzen. Atmen. Tief atmen. Will ich sein. Bin ich! Werde kämpfen. Immer wieder. Im endlosen Dauermarathon. Für mich

 

Es ist Sohn. Nicht Tochter. Nicht Katrin sondern Karu

Nicht geschlafen haben wir. Sorgen gemacht haben wir. Nicht verstehen tuen wir. Überfordert wir sind. Sind deine Eltern. Du unsere Tochter. War doch immer so. Geht nicht so. So So So.

Aufgeregt bin ich. Nicht geschlafen habe ich. Mein Herz klopft vor Angst. Seit Monaten. Ich will ich sein. Will fliegen ohne Grenzen. Atmen. Tief Atmen. Werde kämpfen. Immer wieder. Im endlosen Dauermarathon. Für mich. Ok. Durchatmen. Über den Schatten springen. Verständnis zeigen.

Ja verwirrend. Ja versteh ich. Ist Herausforderung für euch, weiß ich. Das es kompliziert ist. Kann ich nur schwer erklären. Ist eben ein Gefühl. Wohlfühlen. Frei sein. Er sein. Ich sein. Zu Hause sein. Ist eben Ambivalent. Körper Frau. Gedanken, Gefühl. Mann. Phantasie, Identität. Mann.

Aber wie stellst du dir das den vor? Bewerbung-Job- Geld- Kinder-Familie. Wird schwierig sein. Körperveränderung? Ist unnötig – unnötig kompliziert. Sei vernünftig.

Vernünftig frei sein. Mann Sein. Wohlfühlen. Vertraut mir, ich weiß was ich tu. Mit Schutzschild und Rüstung ins Feld der Schlacht. Im endlosen Dauermarathon. Für mich. Ich kämpfe für mich. Stark bin ich.

 

Liebes Publikum, liebe Frau zukünftige Arbeitgeberin, sehr geehrte Damen und Herren, Fitnessstudiokolleginnen, liebe Mutter, lieber Vater. Es ist er nicht sie. Nicht Frau. Sondern Herr. Karu und nicht Katrin. Nicht Mann oder Frau. Kein entweder oder im binären System. Hier steh ich. Mixe er und Vagina. Stehe sozusagen Dazwischen. Ich bin Karu. Der Karu.

 

Und im Flug ohne Grenzen lass ich mich im Sonnenschein fallen. […]

Salz im Ohr

(veröffentlicht in PS#3)

Wenn es nach mir ginge, dann müsste es dieses Weihnachtsfest nicht geben.

Seit einer halben Stunde sitzt Patrick in seinem Auto und brummelt vor sich hin. Brummeln findet er besser als Herzrasen. Das Auto seines Bruders und das seiner Eltern, beide, hat er schon vorbeifahren sehen. Als er die Scheinwerfer kommen sah, hat er sich unters Lenkrad geduckt und gewartet bis die Motoren verstummten und die Stimmen im Haus verschwanden.

Scheiß drauf. Patrick dreht den Autoschlüssel um und schaltet den Getriebeknauf auf drive. Er wendet und fährt aus der Einfamilienhaussiedlung raus, zurück auf die Hauptstraße.

Tzt. Schisser, du! Mit einem festen Tritt auf die Bremse bringt er das Auto zum Stehen. Er dreht um und parkt wieder ein. Nun ist er bereit auszusteigen, doch daran hindern ihn seine Gedanken. Sie legen sich wie der Sicherheitsgurt um ihn und blockieren seine Bewegung. Sie werden mich zerhäckseln, in Stücke teilen, aufspießen und fressen. Die Gedanken bilden ein immer dichter werdendes Netz um ihn, sodass das Haus vor seinen Augen erst verschwimmt und dann verschwindet.

 „Au!“ Patricks Finger sind blassrosa, blau gefleckt und stechen vor Kälte. Mit Atemluft versucht er sie zu wärmen, dabei fällt sein Blick auf die beschlagene Frontschreibe. Eiskristalle und Dunst haben sich ausgebreitet. Er wischt sich ein Sichtfenster frei, um das Geschehen im Wohnzimmer beobachten zu können. Eins, zwei, drei, vier, fünf… sechs! Sein Atem stockt. Sechs. Sie sind alle da. Aber – was, wenn es wird wie zum Abiball? Ey, Mann. Warum bin ich nur hergekommen?

Die Antwort ist einfach. Seine Mutter hatte ihn gebeten. Nein! Eine Bitte war es nicht. Es war eher eine Anklage. Sie hatte gesagt: „Sabine, wenigstens dieses Jahr! Und du weißt doch, Oma und Opa, die fragen schon, ob sie dich nochmal sehen.“

Ja. Oma und Opa. Und dieses Sabine!

Er hatte es genau gehört. Es war wie wenn man Salz anstelle von Zucker isst. Pures Salz – das merkt man einfach. Und es hinterlässt einen Geschmack, den man nur gequält runterschlucken kann.

Er hatte seiner Mutter gesagt, er müsse in seinem Terminplaner nachsehen. Doch stattdessen hatte er Annika angerufen, um schon 30 Minuten später auf ihrem Küchensofa im Zigarettendunst zu sitzen. Ohne etwas zu sagen, hatte er das kühle Bier bis zum letzten Schluck der zweiten Flasche seine Kehle hinunterlaufen lassen. Erst danach war er soweit. „Die akzeptieren mich und meine Entscheidung doch nicht, wenn sie immer noch Sabine sagen. Ja klar, brauchen sie Zeit. Aber! Sie wissen es seit über einem Jahr. Und, stell dir vor, was wenn meine Großeltern sagen, sie seien zu alt für so’n Schmarrn? “ Er ließ seine wild gestikulierende Hand aufs Sofa knallen um daraufhin das nächste Bier zu öffnen. Annika drehte sich zum Kühlschrank und holte den Anisschnaps heraus. „Mhm? Heut is das das Richtige, oder?“ Er nickte und sie begannen, abwechselnd aus der Flasche zu trinken. Der letzte Schluck endete mit einem lauten Rülpser von Annika. Sie guckten sich mit ihren rot gewordenen Gesichtern an und prusteten vor Lachen. Immer wieder musste einer loslachen, wenn gerade Ruhe einkehrte und das wiederum steckte den anderen an. Ihr Gelächter hielt so lange an, bis ihre Bäuche schmerzten und sie langsam atmend versuchten, zur Ruhe zu kommen. Patrick blickte sie an. „Das war gut. … Aber weißt du, ich will se’ nich verliern! Erst recht nich jetz, jetz, wo es mir so sauu gut geht.“ Mit einem Kopfschütteln hatte Annika ihn zu sich herangezogen. „So’n Quatsch! Hab doch keene Angst. Is doch Familiiee, Mänsch. Die lieben dich. Und außerdem musst du da irgendwann hin. Oder willst du niieee mehr nach Hause?“

Jetzt komm! Patrick steht auf und schließt die Tür hinter sich zu. Über das Dach des Autos blickend sieht er den mit Tannen bewachsenen Hügel und muss grinsen. Beim Schlitten fahren hatte Papa immer Angst gegen die Bäume zu prallen. Trotzdem ist er mitgekommen. Ich musste nur traurig gucken. Stöße, die von innen gegen seine Kopfwand pochen, reißen ihn aus den Gedanken. Sie senden Wellen aus Hitze, Schweiß und Kälte durch seinen Körper. An was Schönes Denken! Vater. Schnee. Annika. … Ritter! Er greift in seine Hosentasche und spürt das kleine Plastik-Schwert.

„Hiiiieeer ! Nimm mit! Als Ärrinerung. Und denk dran: So ist alles rischtisch. Und du! Du bist auch rischtisch!“ Daraufhin hatte Annika ihm kichernd einen Playmobilritter in den BH gesteckt und ihn nach Hause geschickt.

Rischtisch! Mit dem Ritter in der Hand läuft er auf die Hausnummer 47 zu. „Herzlich willkommen bei Schuhmanns“, Die beiden mit einem Herz umrandeten Tontauben stechen in sein Auge. Tzt. Meine Eltern und ihre Tauben.

Er hört die Stimme seines Freundes Thorsten, der ihn damals auf der Rückfahrt von seinen Eltern mitten in der Nacht anrief und schluchzend erzählte, wie sie auf sein Outing reagierten hatte.

Da ist es wieder, das Pochen in seinen Schläfen. Um sich abzulenken, krallt Patrick seine Finger fest um den Ritter, bis sich das Plastik in seine Haut bohrt. Du musst keene Angst haben. Das hatte Annika gesagt, als er noch im Türrahmen stand. „Und, was hilft mir das jetzt?“ Wie haben sie wohl reagiert haben, als Mutter es ihnen erzählt hat? Hätt´ ich’s doch nur selbst gesagt!

 „Ooooh! Hab dich ja gar nicht kommen gehört.“ Patrick zuckt zusammen und bleibt steif wie ein Stift stehen. Ein Stift, der kein Atmen mehr kennt und dessen Augen starr auf die Tür gerichtet sind. Ein Stift, für den es nur noch einen kleinen Aufprall braucht, bis sein Inneres bricht. „Schön dass du da bist, mein Schatz.“ Der Stift wird wieder beweglich, zumindest ein wenig. Seine Mutter läuft auf ihn zu, umarmt ihn und platziert einen dicken Kuss auf seiner Wange.

Es ist soweit. Der Angeklagte muss den Gerichtssaal betreten und sich den Richtern und Staatsanwälten stellen.

„Alle anderen sind schon da und haben nach dir gefragt. Hört ihr, Sabine ist da!“, In Patrick steigt Hitze auf und treibt ihm Tränen in die Augen. Da ist es wieder: Salz im Ohr. Während seine Mutter ihm die Jacke abnimmt, nickt sie anerkennend. „Schicker Anzug. Richtig schnieke. Siehst aus wie n’ flotter, junger Mann.“ Er wischt sich die Augen und versucht zu grinsen. „Wo bleibt ihr denn?“, brummt die Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer. Mit einem „Jaja. Wir kommen schon.“ schiebt ihn seine Mutter in den Flur. Patrick sieht das fahle Kerzenlicht aus der Wohnzimmertür scheinen. Es sind fünf Meter bis zur Tür. Los. Weg nach Hause! Doch Patrick läuft und ihr Reden wird lauter. Seine Schläfen pochen. Er muss an seine Freund*innen denken, an Joe und Leon und das Toilettenverbot in der Schule. Die Wände rücken auf ihn zu. Er denkt an Emma auf der Akutstation für Männer. Die Decke drückt auf seinen Kopf. Und da ist John, der keinen neuen Perso bekommt. Alles verschwimmt vor seinen Augen und wird zu einem Brei aus dunkler Masse. „Du musst keene Angst haben. Sie lieben dich.“ Er läuft weiter, bis seine Hand an Holz stößt. Es ist das Holz des Türrahmens. Und nun steht er im Licht.

Vom Wohnzimmertisch aus drehen sich fünf Köpfe in seine Richtung. Schlagartig kehrt Ruhe ein. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Sie mustern ihn. Sie reißen die Augen auf, sehen seinen Bart und die Kanten in seinem Gesicht. Sie recken ihre Hälse, sehen die Muskeln auf seinen Schultern und die Haare auf seinem Arm. Sie rutschen auf ihren Stühlen hin und her, blicken nach links und nach rechts und sehen seine Brust. Seine Oma flüstert Opa ins Ohr. Zeitgleich räuspert sich Monika und schielt zu Martin. Er nickt ihr zu. Mama und Papa halten das Lächeln. Patrick steht immer noch in der Tür. Seine Fingernägel bohren sich in die Silikonfuge des Türrahmens. Glotzt nur! Kommt ran und fasst an! Heute hier auf der Präsentierfläche: nicht der kleinwüchsige Clown oder das zweiköpfige Pferd, sondern Patrick-Sabine. Nur heute für Sie! Patrick will explodieren und ein Feuer entfachen. Stattdessen durchbricht seine Oma die Stille. „Na endlich sieht man dich mal wieder. Lass dich drücken.“ Fast mechanisch geht er zu ihr und lässt sich umarmen. Sie reicht ihn weiter zu Opa, Papa und zu seinem Bruder, sie alle drücken ihn fest an sich. Zuletzt landet er bei seiner Schwester, die wuschelt durch sein Haar, fast so wie früher. „Darf ich mal anfassen?“, doch ehe er antworten, nicken oder den Kopf schütteln kann, fährt sie mit ihrer Hand über seinen Bart. „Hoh! Das sind ja richtig harte Stoppeln so wie bei dir.“ ruft sie quer über den Tisch zu seinem Bruder. Mit wütendem Blick stößt Patrick ihre Hand weg. „Was denn?“, zischt sie. „Muss man doch mal anfassen dürfen.“ „Lass mich.“, sagt Patrick und dreht sich weg. „Und wie war die Fahrt?“, lenkt sein Vater ein. Patrick schluckt, er soll jetzt also reden. „Mhm, ja war ganz gut. Bin gut durchkommen.“ Während er spricht, hört Martin auf zu Essen, und schaut ihn mit offenem Mund an. Auch die anderen legen ihre Kekse zurück auf die Teller und starren. „Ähm äh ja war kein Stau. War alles frei.“ „Ja Mensch! Die Stimme. Wahnsinn! Hätt ich nicht wieder erkannt.“, sprudelt es aus seinem Opa heraus. „Klingt wie bei einem Mann, wie bei seinem Bruder.“ fügt seine Oma hinzu. Patrick durchströmt Hitze. Sie steigt in seinen Kopf und treibt ihm Röte ins Gesicht. Er spürt Funken in seinen Augen. Es sind Funken aus Tränen und Feuer.

Wie bei einem Mann.

Während er versucht, die Tränen zu unterdrücken, stimmt seine Schwester den anderen zu. „Ein richtiger Bass. Der vibriert sogar bis hier.“ „Komm, sag noch mal was.“, fordert ihn sein Bruder auf. Schweiß bildet sich auf seiner Stirn. „Ähm… Was soll ich denn sagen?“

Erst nach einer Weile beendet sein Opa die Stille:„Ja erzähl doch mal, was du die letzten zwei Jahre so getrieben hast.“ Wie eine Ohrfeige trifft ihn die Stimme. „Äh… Ja, äh, gleich. Muss kurz aufs Klo.“ Eilig steht Patrick auf und verschwindet in den Flur, dorthin wo ihn niemand mehr sehen kann. Er atmet durch. Wieder etwas erholt, kramt er den Ritter aus seiner Tasche und betrachtet ihn mit seinem blauen Helm und dem silbernen Schwert.

Was soll ich sagen? Soll ich ihnen sagen, wie es war? Soll ich ihnen erzählen von meinen Gedanken auf Achterbahnfahrt? Davon, wie sie im Eiltempo immer hin und her gerast sind zwischen Mann und Frau. Und ich? Ich war immer mittendrin und ohne Pause. Kotzübel war mir von all dem. – Wie sollen sie das verstehen?! Und verstehen sie etwas von dem leuchtend-blauen Licht, dass immer oben am Ende der Achterbahn zu sehen war? Das, wohin ich wollte und da wo ich jetzt bin. Verstehen sie dieses endlich wieder Atmen können und das Ankommen auf festem Boden? Und was wenn sie Löcher in diesen Boden unter meinen Füßen graben? Nichts sag ich! Aber sie sollen es doch verstehen.

Er lässt den Ritter durch seine Finger gleiten. Schon einige Gefechte hat er gewonnen, aber es warten noch weitere. Er steckt ihn wieder ein und geht zurück ins Wohnzimmer. Dort reden sie inzwischen über Rindenmulch für Gartenrosen. Glück gehabt! Doch sein Opa hat es nicht vergessen. „Und, was war nun die letzten zwei Jahre wichtiger als wir?“ „Naja. Also. Ähm. Ich hatte auf Arbeit ganz schön viel zu tun.“ Er hält den Ritter fest. „Und die Sache hier, mit all dem, das war auch nicht gerade ne’ Spazierfahrt.“ Geschafft!„War ja auch deine Entscheidung, das hier“, kommentiert sein Bruder und wedelt mit den Fingern in Richtung seines Bartes. Patrick spürt das Loch unter seinen Füßen. „Er wird schon wissen was er macht. Nich’ mein Großer?“ sagt seine Mutter und streichelt Patrick über den Rücken. Doch der spürt nur wie er fällt. Seine Mutter spricht weiter. „Hauptsache wir können heute zusammen feiern und jetzt das feine Essen genießen. Guten Appetit euch!“ Sie nimmt sich den Servierlöffel, um den Lachs aufzutun, das Gemüse und den Reis. Die anderen folgen ihrem Aufruf und schaufeln beladene Gabeln in ihre Münder. Nur Patrick stochert in seinem Essen. Arschloch!

Während er stochert, frönen die anderen ihrer Tischgesellschaft und dem Essen. Schon bald ist von Oma zu hören „Oh, ist das lecker. Also der Lachs mit den Kräutern. Ist das Rosmarin oder Thymian?“. Seine Mutter bestätigt, dass es Rosmarin sei und sein Opa ergänzt, dass sie den auch im Garten anbauen. Der Garten ist für seinen Bruder das Stichwort. „Gibt’s dort noch die Nachbarsschafe? Wisst ihr, die vor denen Moni immer weggerannt ist?“ Zu seiner Schwester gedreht sagt er, „Weißt du noch, wie du dabei aussahst?!“ Er blickt sie an wie ein wildgewordenes Frettchen und quietscht und schreit. Alle müssen lachen, sogar Patrick ein bisschen. Nur seine Schwester ist wenig amüsiert. „Haha, witzig. Und wer war das nochmal mit der Wespe am Schniedelwutz? Du hast so laut geschrien, dass sogar der Nachbar von unten kam.“ Es kommt eins zum anderen. Sie kramen in ihren Erinnerungen und lachen über das gemeinsam Erlebte. Währenddessen schwindet der Lachs, selbst Patricks Teller leert sich. Mit einem „Puh, jetzt bin ich aber voll.“ lehnt sich sein Bruder zurück und tupft sich die Soßenreste vom Mund. „Du Patrick, aber eins muss ich noch fragen: Auf welches Klo gehst du jetzt eigentlich? Und wie machst du das? Also ich mein, kannst du im Stehen?“ Patrick bleibt das letzte Reiskorn wie ein Balken quer in der Kehle stecken. Mit hochrotem Kopf beginnt er zu husten. Sein Bruder wartet auf eine Antwort. Und mittlerweile wartet nicht nur er – alle warten auf ihn. Wixer! Soll ich dich fragen, wie du es mit deiner Freundin treibst? Patrick will ihn den Teller ins Gesicht schmeißen und restlichen Erbsen in die Ohren stopfen. Er will sich selbst ins Bett werfen und unter der Zudecke verkriechen. Patrick räuspert sich „Naja – Es gibt da so Hilfsmittel, mit denen geht das oder man lässt sich halt operieren.“ „Aber nein, das machst du nicht! Du willst doch nicht an dir rumschnippeln lassen, oder!“, sagt seine Oma. „Nicht das du’s später wieder anders willst.“ unterstützt sie Opa. „Muss er doch selbst wissen!“, entgegnet seine Mutter „Naja, aber ist doch gefährlich.“, kontert Monika. Bestimmend sagt sein Vater „Das muss er selbst entscheiden und nicht ihr.“ Beklemmt gucken sie auf den Boden. „Und, wie ist es?“, fragt seine Schwester „Was machst du?“ „Werd ich schon sehen was ich mach!“ zischt Patrick und schnappt sich seine Zigarettenschachtel. Raus! Während er geht, hört er noch wie seine Mutter die anderen ermahnt. „Das ist doch seine Sache und außerdem, so was fragt man nicht am Tisch.“ „Wollt’s halt wissen.“ entgegnet sein Bruder.

Patrick schließt die Balkontür hinter sich und endlich hört er nichts mehr außer gedämpftem Straßenlärm. Er genießt das kalte Prickeln der frischen Luft auf seiner Haut. Zur Ablenkung kramt er sein Handy hervor und sieht eine Nachricht von Annika: „Wie geht’s dir? Lebst du noch? Sind sie nett? Wenn was is, ruf an.“

Er lächelt und schreibt: „Läuft ganz gut.“

 

Zeitz ist stehengebliebene Zeit

Auf seinem Tisch liegt noch der ganze Haufen; Papiere mit einer Ansammlung von Kritzeleien, Pfeilen und Anmerkungen, zwischendrin rosa blitzende Post-its. Es ist seine Doktorarbeit oder zumindest der dazu werdende Haufen. Eigentlich sollte er ihn weiter sortieren, den Haufen. Die Papiere ordnen, hin zu einer Gliederung. Doch dafür ist jetzt keine Zeit, erst wieder Dienstag. Er zieht sich die Schuhe an und trinkt den letzten Schluck aus seinem Kaffeepott. Die Tasse könnte er auch mal wieder waschen. Aber nein, nicht jetzt. In 2 Minuten will er los. Vielleicht sollte ich doch den Brief mitnehmen? Irgendwo zwischen den Pfeilen und Kritzeleien muss er sein…. Da! Beatrice. Er zieht ihn hervor. Ganz ohne Seufzer geht es noch nicht. Mit Bedacht faltet er den Brief zusammen und steckt ihn in seine Brusttasche. Jetzt aber los. Er schnallt sich den Rucksack auf den Rücken und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Auf in den Osten. Den wilden Osten. Auf zu seinen Eltern. Es ist mal wieder Zeit. Zeit für den fünfundfünfzigsten Geburtstag seines Vaters. Er läuft die Straße herunter, hin zum Bahnhof. Von seiner Wohnung ist es nicht weit. Jetzt nicht mehr an Beatrice denken, es geht nach Hause.

Zuhause bedeutet Zeitz für Paul, obwohl wirklich zuhause ist das nicht mehr. Seit über zehn Jahren wohnt er hier, in Hannover. Zuhause bedeutet für ihn nur noch Eltern. Zuhause ist sein altes Leben, das Zurückgelassene. Zuhause ist ausgestorben. Da wohnen nur Strohballen, die über die Einöde ziehen und jegliche Vielfalt verweht haben. In Mitten der Sahara wohnen seine Eltern. Hans und Magrit Klingeberg. Zweimal im Jahr fährt er zu ihnen. Weihnachten und Geburtstag oder Ostern.

Für die Reise ist Paul bepackt mit seinem Survivalkit, bestehend aus Büchern, Laptop, Tagebuch und Sportsachen, alles gegen langeweilen und festsitzen. Mehr als das muss er nicht mitnehmen. Seine Eltern haben noch alles da. Bettwäsche, Schlafzeug und sein altes Plüschtier. Sein Zimmer sieht genauso aus, wie er es verlassen hat. Wer sollte meine Eltern schon auch besuchen? Ein Gästezimmer brauchen sie nicht.

Auf seinem Weg zum Bahnhof kreuzt er seinen Lieblingsmützenladen. Doch heute sieht er nicht all die Basecaps in der Auslage liegen, stattdessen breitet sich, wie mit Graffiti drüber getackt, überall der Satz aus: „Muss ich wirklich?“. Ja, er muss. Sein Vater hat es sich gewünscht. „Wir sehen dich ja so selten.“ Am liebsten hätte er ins Telefon gesagt: „Ja, und nicht ohne Grund.“ Aber dass traut er sich nicht zu sagen.

Zeitz ist das Zuhause seiner Eltern. Für Paul ist Zeitz stehengebliebene Zeit. Stehengeblieben vor der Wende. So auch seine Eltern und das Haus, in dem sie wohnen. Er dagegen ist weiter gezogen, doch davon verstehen seine Eltern nichts.

Am Bahnhof angekommen checkt er die Uhr. Er ist immer noch im Zeitplan. Eigentlich ist Paul immer vorpünktlich, das hat er von seinen Eltern. Es bleibt genügend Zeit, um in der Schlange von Coffee and Beans zu stehen. „Ein Vanille-Latte-Macchiato mit Sojamilch“. Prüfend kostet er den Becher in seiner Hand. Alles richtig. Glück gehabt. Denn H-Milch findet er eklig, besonders die mit 3,5% Fett. Und außerdem ist es wegen den Tieren. Soja ist einfach besser.

Was Mutter wohl sagen würde?

Du und dein neumodischer Schnick-schnack. Ist dir unsere Kuh-Milch nicht mehr gut genug?

Und dabei würde ihr Dialekt aus jedem Ch ein Sch machen und aus I Ü. Zeitz ist eben stehengebliebene Zeit.

Mit seinem Kaffee in der Hand steigt er in den Zug. Sein versiertes Auge erspäht einen Vierersitz. An diesem angekommen, breitet er sich mit Jacke und Rucksack aus. Erfolgreich nimmt er drei Stühle ein. Niemand soll sich neben ihn setzten. Zur Sicherheit setzt er noch seine Kopfhörer auf jedoch ohne die Musik anzudrehen. Sollen mich alle in Ruhe lassen. Der Zug fährt los und Paul starrt aus dem Fenster. Er will denken. Grün-schwarz-braune Farbmuster wischen an ihm vorbei, mal Felder, mal Bäume.

Beatrice, warum hast du das nicht früher gesagt.

Hör auf!, ermahnt er sich. Du fährst zu deinen Eltern. Die sind jetzt dran. Das ist anstrengend genug.

Paul weiß, was ihn zuhause erwartet. Gemeinsames, stillschweigendes Tatort sehen und ein wenig Smalltalk während der Werbeeinblendungen. Sonst haben sie sich nichts zu sagen. Früher. Früher, da war es anders, da war es noch schön. Mit Papa auf dem Schotterplatz oder das Mensch-auf-Erden spielen mit all seinen Freund*innen. Die sind jetzt auch weg. In den Westen. Mama hatte immer Hubba Bubbas vom Einkaufen mitgebracht. Wir haben gepustet, bis die Wangen rot waren, nur um zu sehen, wer die größte Blase machen konnte. Ob sie heute noch gewinnen würde? Hubba Bubbas hat Paul immer noch dabei, in all seinen Jacken- und Hosentaschen. Manchmal ist das nicht so lustig, wenn er sie in der Waschmaschine mitwäscht. Aber für alle Fälle sind sie genau richtig und für alle Fälle ist der Fall für jetzt. Der Erdbeergeschmack und das beständige Kauen lenken ihn ab. Der Trick ist: langsam aufblasen. Nach zwei Versuchen schafft er es bis zur Nasenspitze. Die klirrende Ansage „Göttingen“ reißt ihn aus seinem Spiel. Schnell schultert er sein Gepäck auf und klebt den Kaugummi unter den Stuhl. Beatrice, du bleibst hier.

Im nächsten Zug dieselbe Prozedur. Schnell reinlaufen, Sitzplatz ausspähen, hinsetzen und Sachen ausbreiten. Diesmal gab es nur einen Zweier. Doch ein Zweier ist besser als ein Nachbar. Noch über zwei Stunden dauert die Fahrt bis nach Hause. Diesmal schaut Paul nicht aus dem Fenster, stattdessen sieht er sich die Leute an. Paul findet, dass man sieht, wenn man in den Osten fährt. Die Leute sehen ärmer und unmodisch aus. Die Mütter, die sind lauter und schimpfen ruppig auf ihre Kinder. Nette Worte gibt es nicht. Das ist Pauls Theorie der Osterkennung. Eine Theorie, die er selbst viel zu unpolitisch findet, um sie zu erzählen. Und doch stimmt sie. Er erkennt sie, die blondierten Haare mit schwarzen Ansatz, die Ü50 Frauen mit kolorierter Dauerwelle, die Steppjacken und die No-Name Rucksäcke. Zeitz ist eben wie stehengebliebene Zeit. Sein klingendes Telefon beendet die Ostmensch-Suche. Es ist sein Vater. Er will ihn abholen vom Bahnhof und das obwohl es nur zehn Minuten Fußweg bis nach Hause sind. Paul will nicht, doch sein Vater bleibt hartnäckig und gewinnt. Er holt ihn ab. Als Paul mit dem Zug ankommt, wartet sein Vater schon auf dem Parkplatz. Er nimmt ihm den Rucksack ab und fragt, wie die Fahrt war. Noch bevor sie zu Hause sind, drückt er ihm 50 Euro in die Hand. „Aber sag Mama nix.“ Auf Pauls Beschwerde, dass er ja promoviere und selber Geld verdiene, sagt sein Vater nur: „Früher hast du’s nicht verschmäht. Kauf dir was Hübsches von.“ Ja, früher, da hab ich’s auch gebraucht.

Seine Eltern haben sieben Jahre lang sein Studium finanziert, ohne großes Murren. Damit er nicht arbeiten musste und sich aufs Studieren konzentrieren konnte. Mhm, hat sich zumindest gelohnt, bald werde ich Doktor. 

Ihr Weg führt in die Garage ihres Hauses. Das seiner Eltern. Doch noch bevor Paul aussteigen kann, hält sein Vater ihn am Knie fest. Es geht um Mama, der es noch nicht gut geht, deren Bein noch weh tut und welches sie fast nicht spürt, eben die Bandscheibe. Sie kann sich nicht motivieren rauszugehen. Papa weiß nicht mehr weiter. Paul wird es mulmig im Magen.Was soll ich jetzt sagen? Doch ehe er zu irgendetwas kommt, beendet sein Vater das Gespräch mit einem festen Knieklopfer. Paul soll das nicht interessieren. Er ist ja so selten hier. Er soll es sich gut gehen lassen, hier in seinem Zuhause. Zuhause. Mhm. Oben in seinem Zimmer steht schon alles für ihn bereit. Das Bett ist gemacht und auf dem Kissen thront sein Plüschtier mit Goldbären in der Pfote. Die isst er so gern, das wissen seine Eltern.

Paul ist noch mit dem Ausräumen seines Rucksacks beschäftigt, während seine Eltern schon zum Abendessen rufen. Papa hat sich extra Mühe gegeben, für das Söhnchen. Zu Hause soll es ihm ja gut gehen. Nur bei seinen Eltern gibt es Lachs und frisch geröstetes Ciabatta – er selbst leistet sich das nie. Ja, lecker, doch reden wäre besser. Nun sitzen sie da, drei Menschen um einen Tisch. Immer wieder führen sie die Hand zum Mund. Die Lücken fühlt der zähe Smalltalk bis alle Themen durch sind: das Wetter, der Garten, die Dissertation, die Steuer und Oma und Opa. Dann gibt es nur noch das Essen und den Tatort. Paul hat sich daran gewöhnt. Seine Regel ist: Zusammen Essen, ein wenig gemeinsam Fernsehen und dann hoch in sein Zimmer. Er erwartet nicht mehr viel. Es sind nur zweimal drei Tage von 365. Alles ist wie gehabt, nur das mit seiner Mutter, das ist schlimmer. Mit dem Hubba Bubba würde ich gewinnen. Ihr Tagesreich scheint das Sofa zu sein. Der Frühstücksteller, die Mittagschlafdecke und ein vielfältiges Beschäftigungsangebot aus Fernsehzeitung, Telefon, Tablett und Bücher säumen ihre Kissenburg, nur das Klo fehlt nebendran. Heute Abend redet sie auch nicht viel. Noch weniger als sonst. Ihre Sätze erfüllen das immer gleiche Muster: „Ich würde ja …., aber kann nicht.“ Sein Vater ist geduldig und versucht ihr Angebote zu machen. Doch Mamas Schwere liegt über allem. Auch Papas kleine Seufzer sind nicht zu übersehen. Die sind neu. Sein Vater zieht es vor, heute Abend die Themen zu wechseln. Immer wieder bietet er Paul noch mehr leckeres Essen an und erzählt ihm, wie stolz er auf seine Dissertationsarbeit ist. Die muss erst einmal fertig werden. Noch ist sie ein wüster Haufen aus Kritzeleien, Pfeilen und Anmerkungen. Und dazwischen Beatrice. Mist. Die sollte doch in Göttingen kleben bleiben- im Zug für den Rückweg. Wie auf Abruf fragt ihn auch sein Vater: „Wollte Beatrice nicht mitkommen, so wie sonst?“. Er lügt. „Sie ist im Urlaub. Auf Kuba.“ Damit scheint das Thema abgehackt und weiter geht’s mit dem Abendverlauf. Die Hände zum Mund, die Augen auf den Fernseher. Nach der obligatorischen Stunde verabschiedet sich Paul, er müsse noch etwas lesen für die Dissertation. Für heute ist es geschafft. Er steigt die Treppen hoch in sein Zimmer und verschnauft auf dem Bett. Die Hand auf seiner Brust. Soll ich ihn doch nochmal lesen? Seine Finger kramen den Brief heraus. Sie entfalten ihn und seine Augen werden rot. Er ließt : Ich kann nicht mehr. Ich brauch eine Pause. Lass uns in Kontakt bleiben. Sein Atem ist schwer. Sieben Jahre waren es. Er und Beatrice. Sein Herz brennt, seine Augen tränen.

Mutter schnarcht. Vaters Füße laufen die Treppe hoch, ohne dass Paul es merkt. Es dauert eine Weile bis er seinen Vater sieht. Bis er die zwei Bier und die Schachtel Zigaretten in seiner Hand wahrnimmt. Papa hat es gewusst, irgendetwas mit Kuba war faul. Schweigend setzt er sich neben Paul, er reicht ihm ein offenes Bier und nimmt ihn in den Arm. Sie prosten sich zu: Auf die Scheiß-Liebe. Das ist neu, Papa und ich, abends und mit Bier. Zigarette um Zigarette folgt er seinem Vater auf den Balkon. Sie reden. Sie reden wie noch nie. Sie reden über Beatrice, die Schluss machen und doch in Kontakt bleiben will. Sie reden über Paul, dessen Atem schwer ist und dessen Tränen kullern. Doch auch Papa hat keine Lösung parat, aber eine Hand auf seinem Kopf. Sie streichelt sein Haar. So wie früher über die Flausen. Doch jetzt ist besser als früher. Sie reden. Sie reden über Mama, die nicht vorankommt. Sie reden über Papa, dessen Angst und Bemühen und dessen Kraft, die verebbt. Paul beginnt zu rudern, er will Ratschläge geben und auch seinem Vater über den Kopf streichen. Doch sein Vater winkt ab. Paul solle sich keine Sorgen machen, sein Vater würde das schon klären. Er solle sich um seinen Brief kümmern, um Beatrice. „Und du weißt, du kannst immer anrufen. Meld dich, wenn was ist.“ Mit diesen Worten geht sein Vater und nimmt die sechs leeren Bierflaschen mit. Paul legt sich hin, zu beschwipst, um die Hose auszuziehen. Alles ist jetzt egal.

Er schläft und wacht auf. Die nächsten drei Tage. Alles ist wie gehabt. Oma und Opa kommen zum Kaffee, sie reden über ihren Garten, um den sie sich nicht mehr kümmern können und fragen Paul, ob er irgendetwas braucht. Sie gucken fern und feiern Geburtstag und mittendrin verschwindet Paul immer mal wieder nach der obligatorischen Stunde. So vergeht seine Zeit zu Hause. Sie vergeht bis ihn sein Vater wieder zum Zug bringt. Und das, obwohl er zu Fuß fast schneller wäre. Nochmal drückt ihm sein Vater Geld in die Hand, Widerstand ist zwecklos. Er umarmt ihn und streicht ihm übers Haar: „Meld dich, wenn was ist.“ Mit einem letzten Winken dreht sich Paul um und steigt in den Zug. Meld dich. Er ärgert sich über sich selbst, darüber, dass er seine Eltern nur einmal im Monat anruft oder wenn er was braucht und jedes Mal ist es lustlos. Ist das unfair? Ich bin doch ihr einziges Kind.

Wie die Landschaft um den Zug, rauschen auch seine Fragen an ihm vorbei. Er lässt sie hinter sich, so wie Zeitz. In Hannover dagegen tickt die Zeit. Die Fußballfans am Bahnhof rufen ihn in den Alltag zurück. Seine Routine schleicht sich wieder ein. Tagsüber Dissertation schreiben und abends Karten spielen mit Freund*innen. Und wieder lästert er über seine Eltern, über das Fernsehen und den Smalltalk. Alles ist wie früher. Fast. Nur dass öfters das Telefon klingelt. Es ist sein Vater, er ruft ihn an, regelmäßig. Sie reden über Beatrice und Mutter. Ein paar Wochen lang bis Paul, auf den Rat seines Vaters, das Paket an sie abschickt. Ihr Teddy und ihr Schlaf-T-Shirt. Jetzt ist es wirklich vorbei.

Mit der Zeit vergehen der Schmerz und auch die Anrufe. Aber das Paket, das ist richtig. Mit diesem Gedanken übergibt er es der Postfrau. Es ist für Hans Klingeberg, seinen Vater. Es klimpert. In ihm sind sechs Bier und eine Schachtel Zigaretten. Fürs nächste Mal.

 

 

Dausels Mantel und Oberbekleidungen

„Kommen Sie ruhig in mein Geschäft. Hier ist noch Platz. Sie können sich um- schauen, alle Mäntel anprobieren und in Ruhe betrachten. Probieren Sie alles aus!“

Es ist Hannes, Hannes Dausel, der vor seiner Ladentür stehend die vorbeigehenden Passant*innen in sein neueröffnetes Geschäft einlädt. Zugegeben seine Einladung ist etwas ungelenk und auch sein Äußeres mit Cordhose und Stoffweste erinnert eher an Petterson, von „Petterson und Findus“, als an einen Geschäftsmann. Aber es ist ja auch sein erstes Geschäft, das er eröffnet und zudem ist er nicht vom Mode-Fach. Doch das muss er auch nicht sein, denn sein Laden ist etwas Besonders.

„Schön, dass Sie sich getraut haben, herein zu kommen. Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem. Ich würde Ihnen gern etwas über mein Geschäft erzählen.“
Während Hannes so da steht und mittlerweile fast theatralisch mit ausgebreiteten Armen berichtet, das dieser Laden sein Lebensziel sei, ist nicht zu übersehen, dass er aufgeregt ist. Der untere Knopf seines Sakkos hängt nur noch an einem einzigen Faden, so sehr hat er daran herumspielt. Und überhaupt ist es ein seltsames Sakko, das er trägt. Es ist ein goldener Smoking, der eher an Karneval und Büttenreden erinnert als an seinen sonstigen Petterson-Stil erinnert. Aber Hannes ist ja, wie gesagt, auch nicht vom Fach.

Nun sind alle Blicke auf Hannes gerichtet. Nervös schweift sein Blick durch das Geschäft. Es ist klein, vielleicht sechsmal so groß wie ein Mini-Badezimmer in dem die Badewanne mit dem Waschbecken kuschelt. Aber der Platz ist ausreichend, da sich nur 30 Kleidungsstücke in seinem Geschäft zählen lassen. „Wie Sie sehen ist mein Laden nichts großes, das Mantel-Oberbekleidungsgeschäft ist schwierig. Nur selten lässt sich ein Exemplar verkaufen, aber das ist auch nicht so wichtig. Mein Laden ist eher ein Sammelsurium bestehend aus den Exemplaren, die mir in meinem Leben begegnet sind. Viele Menschen reden nicht offen über ihre Mäntel. Zugegeben auch mich haben sie anfänglich erschreckt, aber mittlerweile habe ich eine Vorliebe für sie entwickelt. Und seit einiger Zeit entdecke ich auch Mäntel bei Anderen, ganz spezielle Exemplare. Oder Freund*innen zeigen mir ihre Mäntel im Geheimen. Sie offenbaren sie mir! Und jetzt haben Sie die Möglichkeit, all diese Exemplare auszuprobieren. Vielleicht erkennen sie sogar einen ihrer Mäntel wieder.“

Die quietschenden Papphocker sind nur das akustische Signal, für das was gerade im Raum passiert. Die Zuhörenden drehen sich um auf der Suche nach Augenpaaren, die ihre Verunsicherung teilen. Die Resonanz ist groß, zuckende Schultern, Schnaufen und sich verdrehende Augen werden ausgetauscht. Ergänzt wird das Ganze durch das auffällige Hüsteln von Hannes Nachbarin, einer alten Dame, die vielleicht nur wegen dem kostenlosen Stück Kuchen gekommen ist. „Sie denken bestimmt, was redet der denn! Mäntel ausprobieren anstelle anprobieren. Ein Geschäft in dem man nichts kaufen kann. Offenbarungen ….“

Ja, vor allem seine Nachbarin nickt zustimmend, wohingegen sich der junge Kerl neben ihr ertappt fühlt und mit rotgewordenem Kopf die Krümel vor seinen Füßen zählt. Während alle vor sich hin gucken, hängt Hannes seinen Smoking über die nächstgelegene Schaufensterpuppe. Aus der Ecke neben der Umkleide holt er ein neues Exemplar: einen schwarzen Ledermantel.

„Das hier war mein erster Mantel. Mit ihm fing alles an. Es ist schon einige Jahre her. Ich war Mitte 20, mitten in meinen wilden Jahren. Das sieht man heute vielleicht nicht mehr, aber damals hatte ich noch Haare, die durch den Wind flatterten, wenn ich auf meinem quietschenden Fahrrad saß. Ich war neu in Berlin. Das Studium hatte mich dorthin getrieben. Noch in meinem ersten Semester, da traf ich sie.
Wissen Sie, es war dieser fast kitschige Moment, wenn man einem Menschen in die Augen schaut und nur ein Strahlen sieht. Mir blieb nix anderes übrig als zurück zu lächeln und mich in sie zu verlieben. Fio, das war ihr Name. Es war eine wunderbare Zeit. Wir tanzten zusammen neben der Kaffeetheke, wir verwandelten ihr Bett in ein Floss und wir bewarfen uns mit Eisbällen im Sommer.

Fast ohne es zu merken, war Hannes aufgestanden und tänzelte mit dem Mantel im Arm durch den Raum.
„Sie war einmalig. Und obwohl sie es nicht wollte, küssten wir uns und umschlungen uns im Bett. Bis ich verstand, warum sie immer sagte, sie könne das nicht. Alte Bilder stiegen in ihr auf und alles Vergangene war wieder da. Und mich? Mich ließ sie fallen: mitten von Liebeskarussell auf den harten Steinboden. Ich war gebrochen und aus Angst noch tiefer zu fallen, blieb ich liegen.“
In seiner theatralischen Art lässt Hannes den Mantel zu Boden fallen und kniet sich vor ihm nieder. Wie er da so mit gesenktem Kopf sitzt, erinnert das Ganze an ein Friedhofs-Szenario. Genauso betroffen wirkt auch das Publikum, vor allem seine Nachbarin, die in ihr schon oft benutztes Stofftaschentuch schnäuzt. Hannes dagegen lächelt schon wieder. Schnell reicht er seiner Nachbarin ein frisches Taschentuch und sagt, dass sie sich nicht sorgen müsse, denn so habe er seine Vorliebe für Mäntel entdeckt. Er hebt den Mantel wieder auf und präsentiert ihm dem Publikum. Er ist lang und aus schwarzem Leder. Als er ihn anzieht, sacken seine Schultern von der Schwere nach unten. Der aufgestellte Kragen reicht ihm bis zu den Ohren und die vielen Knöpfe verhindern, dass sich Wind und Licht einen Weg hindurch bahnen können. Der Mantel ist groß, zu groß für Hannes. Nur noch seine Zehen und Finger sind zu sehen sind.

„Mit dem Mantel konnte ich nach Fio’s Trennung wieder aufstehen und aus dem Haus zu gehen. In ihm konnte ich mich verstecken und mein Inneres nur dann zeigen, wenn ich wollte. Nur die, für die ich die Knöpfe öffnete, sahen wie verletzt ich war. Sobald ich den Mantel schloss, war nur eine Hülle zu sehen.“ Echauffierend äußert sich eine adrett gekleidete Dame aus dem Publikum. Der Mantel sei doch viel zu schwer, man müsse unter ihm schwitzen und Beklemmungen bekommen. Sie würde so etwas nie im Leben tragen. Es macht den Eindruck, als ob die Dame etwas von Mode versteht. Ihre Kleider sind farblich aufeinander abgestimmt, von den Socken bis zum Sonnenhut. Ihre Äußerung scheint ihrem Mann unangenehm. Mit einem ermahnenden Blick und seiner Ellenbogenspitze bringt er sie zum Schweigen, woraufhin sie sich entrüstet wegdreht. Unbeholfen flüstert er ihr als Entschuldigung ins Ohr, dass er glaube, dass es hier nicht um Mode gehe .
Um das sich anbahnende Ehedrama abzuwenden, sagt Hannes beschwichtigend: „Ja, der Mantel ist nicht sonderlich angenehm zu tragen, aber er war notwendig. Sie haben Recht, er ist warm und man schwitzt unter ihm. Es ist kein Modell für jeden Tag, deshalb habe ich mich auf zur Mantelberatung gemacht. Ihr präsentierte ich meinen Mantel. Mit Blick auf die Dame von eben, ergänzt er „Auch die Beraterin hat schnell bemerkt, dass der Mantel kein Ganzjahres-Modell sei, aber für den Moment zweckdienlich. Sie half mir ihn abzustreifen und in den Schrank zu hängen.“ Während Hannes seinen Mantel auszieht, dreht sich die Dame triumphierend zu ihrem Mann. „Siehst du. Ich weiß sehr wohl worum es hier geht.“ Dem jungen Kerl wird es zu viel und mit einem „Psscht“ bittet er sie ihre Beziehungsstreitigkeiten anderswo auszutragen. Leicht errötet kommt das Pärchen zur Ruhe, sodass alle ihre Aufmerksamkeit wieder Hannes zuwenden. Er steht ohne Mantel vor dem Spiegel und holt ein paar Mal tief Luft. „Alles fühlte sich wieder leichter und besser an ohne den Mantel und für Notfälle hatte ich ihn ja noch im Schrank hängen.“ Anstelle auf seinen Platz zurückzugehen, bleibt Hannes eine Weile schweigend vor dem Spiegel stehen.
„Nachdem ich den Mantel ausgezogen hatte, wollte ich wissen, wer ich bin – so nackt ohne alles. Ich dachte, dass ich nun ich sei, dass ich so sei, wie ich bin. Aber anstatt mein ICH zu sehen, fand ich nur eine Vielzahl von Mäntel. Mäntel die mich anscheinend schon lange begleiten. Oft weiß ich nicht, wann sie zu mir gestoßen sind. Selten war ich einkaufen oder habe mich bewusst für einen entscheiden. Sie lagen eher wie aufdringliche Geschenke vor mir und haben angefangen mich zu begleiten.“

Seine Nachbarin, die alte Dame, runzelt die Stirn. „Also man muss doch wissen, wann man nackt ist und wann nicht. Das weiß ja sogar ich.“
Hannes versucht ihr nochmals zu erklären, dass das Mantelgeschäft ein Spezielles sein. Doch ehe er die richtigen Worte finden kann, tritt ein bärtiger Mann aus der Ecke hervor. „Sie können ihm glauben! Ich weiß wovon er spricht. Auch ich wollte wissen, wer ich bin. Oft habe ich in den Spiegel geschaut und mich hinterfragt. Ich wollte mich finden, aber auch ich fand nur Mäntel.“ Mit diesen Worten senkt er seine Schiebermütze und tritt in die Ecke zurück. „Nicht alles auf der Welt ist einfach zu sehen.“ Das Publikum ist stumm, es denkt über die Worte des Bärtigen nach. Vielleicht sollten sie Hannes doch weiterhin ihr Gehör schenken.
Hannes hält derweil ein hell-beiges Sommersakko mit kariertem, englischem Herrenmuster in seiner Hand. „Das hier ist das erste Exemplar, das ich entdeckte. Ich glaube, ich besitze es schon mein Leben lang. Das Sakko gehört zu der Art von Mänteln, die sich heimlich um einen legen. Wenn ich mich anziehe, wähle ich es nicht bewusst aus. Nein, es stülpt sich einfach um mich, auch wenn ich es nicht will.“ Als Hannes das Sakko anzieht, ist von dem Sohn des Ehepaars zu hören, dass er dieses absolut uncool findet. Belehrend antwortet ihm seine Mutter, die adrette Dame: „Mit uncool meinst du bestimmt, dass das Sakko einen sehr netten Eindruck macht und dass es nicht zu einem Draufgänger oder Gangster passt.“ „Ja, es wirkt weichherzig und diplomatisch“ fügt Hannes hinzu. „Und es hält, was es verspricht. Lang habe ich nicht bemerkt, dass ich es besitze. Es gab nicht den einen großen Moment, sondern es waren eher viele kleine Momente. Lauter einzelne Puzzleteile, die irgendwann ein Gesamtbild ergaben. Das Sakko stülpte sich immer über mich, wenn mir etwas nicht gefiel, wenn ich etwas anders wollte oder wenn ich wollte, dass sich irgendjemand anders verhält. Es kam, wenn ich innerlich brodelte und schimpfte. Genau dann legte es sich um mich und machte mich weich und verständnisvoll, zumindest äußerlich. Es ließ mich auf mein Gegenüber achten und versteckte mein wirkliches Gefühl in der Innentasche.“ Hannes zieht das Sakko aus und betrachtet es. „Trotz seines netten Eindrucks, passt es mir nicht so richtig. Es kratzt und kneift. Es ist einfach irgendwie unangenehm. Manchmal würde ich es gern gegen meinen feuerroten Umhang eintauschen. Doch den finde ich meistens nicht, wenn ich ihn suche.“ Mit diesen Worten gibt Hannes sein Sakko durchs Publikum. Das Publikum besteht übrigens nur aus den schon bekannten Personen: das etwas dramatische Ehepaar mit Kind, die Nachbarin, der junge Kerl und der alte Herr in der Ecke. Für Hannes ist das jedoch genügend Publikum.
Seine Nachbarin hält es als erstes in den Händen. Sie gibt es jedoch schnell weiter, da es aus ihrer Sicht nur etwas für Männer sei. Auch der Ehemann gibt es mit den Worten, er trage nur gedeckte Farben, zügig an seine Frau weiter. Sie dagegen fühlt prüfend den Stoff zwischen ihren Fingerspitzen, bis sie zu der Schlussfolgerung kommt: „Ja es ist rau und kratzig.“ Der junge Kerl ist der Erste, der es anprobiert. „Mhm das steht mir, aber ein wenig kratzt es schon.“ Das Sakko scheint ihm zu gefallen, so wie er sich von allen Seiten im Spiegel mustert. „Da erkennt sich wohl jemand wieder.“ sagt der Herr mit Bart analysierend. Er selbst lehnt dankend ab es anzuprobieren, da er ein ähnliches Modell im Schrank habe. Hannes hat derweil einen Fahrradponcho geholt, der vor dem Schaufenster wie eine Fahne im Wind wehte. „Auch das hier ist eines von den Exemplaren, die sich mir einfach so überstülpen. Er ist immer dann da, wenn ich mich frage, was Andere über mich denken. Oder wenn ich denke, sie könnten mich abschätzig angucken und aufhören mich zu mögen. Wie ein Blitzgewitter ist dann der Poncho zur Stelle und wirft sich über mich. Er ist zwar praktisch, weil er vor Regen und Sturm schützt, aber vielleicht wissen Sie ja selbst wie unangenehm sich diese Dinger tragen… .“ Der junge Kerl nickt zustimmend. „In so einen Poncho rinnt einem der Schweiß bis in die Schuhe und sie lassen einen aussehen wie ein Schreckgespenst. Am liebsten will man von niemanden mehr mehr gesehen werden und nichts mehr von dem machen, was man sich vorgenommen hatte.“ Auch den Poncho reicht Hannes durch das Publikum. Doch ehe seine Nachbarin eine Möglichkeit hat ihn zu betrachten, reißt ihn ihr der kleine Junge aus den Armen. Er stellt sich vor dem Spiegel, seinen Kopf aus dem Poncho raus und rein steckend, wiederholt er: „Ihr seht mich, ihr seht mich nicht. Ihr seht mich, ihr seht mich nicht“. Belustigt pflichtet ihm der junge Kerl bei: „Ja ein perfektes Versteckspiel. Das Ding lässt keinen Blick hindurch, weder die Menschen draußen wissen, was sich darunter verbirgt, noch man selbst zeigt, wer man ist.“

Ohne sich von diesen Worten beeindrucken zu lassen, spielt der Junge weiter, bis ihm der alte Herr den Poncho abnimmt. Er will von Hannes hören, ob er neben den gezeigten Exemplaren auch angenehmere besitze.
„Ja, meinen Lieblingspulli, den wollte ich Ihnen noch zeigen.“ Aus dem Schaufenster holt er einen abgetragenen Pullover, der zwischen ein paar Sonnenblumen auf einer Wäscheleine hängt: „Das hier ist mein Pulli aus Kinderzeiten. Glücklicherweise dehnt er sich, sodass ich immer noch hinein passe. Wenn ich an ihm rieche, muss ich an all das Lachen und sorgenlos-sein von früher denken und an all die Energie, die ich hatte. Wenn ich ihn anziehe, leuchten meine Augen und ich komme auf die tollsten Ideen. Nur manchmal, da fühle ich mich zu erwachsen für seinen Pferdeaufdruck und seine Wollflicken. Dann kratzt er am Hals und ich ziehe ihn wieder aus. Damit verschwinden dann auch die tollen Ideen. Aber immer öfter gelingt es mir, mich nicht zu alt zu fühlen“.

Hannes nutzt den Impuls, um seinen Smoking, den er nach dem Fahrradponcho wieder angezogen hatte, abzulegen und den Pulli überzuziehen. Wie ver- sprochen beginnen seine Augen zu strahlen.
Seine Nachbarin kann das jedoch nicht sehen, zu sehr ist sie damit beschäftig den Smoking anzuziehen und sich im Spiegel zu betrachten. Und obwohl sie sonst ihren Rollator als Gehhilfe benutzt, steht sie nun aufrecht da und alle anderen bewundern sie. Zu ihr gewandt sagt Hannes: „Ja auch er ist ein Prachtexemplar. Im Gegensatz zu den anderen, begleitet er mich noch nicht mein Leben lang. Ich fand Ihn als ich Anfang 30 war. Damals musste mich bei einem wichtigen Meeting beweisen. Gerade frisch vom Studium gekommen war ich zum Teamleiter eines Kunstvereins aufgestiegen. Da waren alle mindestens doppelt so alt wie ich, aber ich, der Neue, sollte die Richtung für die nächsten Jahre vorgeben.“

Hannes kratzt sich verlegen im Nacken und erzählt, dass er damals aufgeregt war und an sich selbst gezweifelt habe. Deshalb besuchte er nochmals die Mantel-beratung, die ihm riet, ein Modell zu wählen, dass seine Schokoladenseite unterstreiche und seine Individualität und Stärken hervorhebe. „Das ist ja leichter gesagt als getan“, mischt sich lachend die Ehefrau ein. „Wie soll man das denn herausfinden?“ Eine Weile ist nachdenkliche Stille im Raum, bis der junge Kerl das Schweigen beendet: „Vermutlich muss man sich eine ganze Weile im Spiegel betrachten, um das dafür passende Modell zu finden.“
„Ja so ist es wohl.“, sagt Hannes. „Doch damals als mir die Mantelberatung das sagte, wusste ich nicht, wonach ich suchen soll. Mir fiel nur dieser Pulli hier aus Kinderzeiten ein. Mit ihm war mir kein Baum zu hoch für mich. Als ich ihn der Mantelberatung zeigte, war sie begeistert von meinen leuchteten Augen. Gemeinsam schneiderten wir dann diesen Smoking und in sein Innenfutter woben wir Wollfäden von meinem Pulli. Mit dem Smoking besuchte ich dann das besagte Meeting und alle waren begeistert von mir.“

Die Nachbarin kann immer noch nicht auf das Hören, was Hannes erzählt, so sehr fasziniert sie ihr Spiegelbild. Um sie ihren Gedanken zu entreißen, legt Hannes ihr seine Hand auf die Schulter. Nur Langsam löst sich ihr Blick vom Spiegel. Hannes kann sie gut verstehen, denn auch er hat den Smoking nicht ohne Grund bis heute behalten. Er erinnert sie jedoch daran, dass das Modell für den Alltag etwas pompös sei und sehr viel Aufmerksamkeit bekäme. Sie lässt sich über- reden, den Smoking vorerst beiseite zu legen. Hannes ergänzt, dass dieses Pachtexemplar von Smoking auch manchmal etwas störrig sei und sich nicht anziehen ließe. „Was soll das denn für ein Mantel sein, der sich nicht anziehen lässt?“ Hannes kann darauf nur mit zuckenden Schultern reagieren. Doch der bärtige Mann scheint die Antwort zu kennen: „Für manche Mäntel muss man eben die richtigen Voraussetzungen haben, um sie anziehen zu können und damit meine ich nicht die Ärmellänge oder Größe. Für diesen hier muss man von sich selbst überzeugt sein. Verstehen Sie?“ Vorsichtig nickend stimmt seine Nachbarin ihm zu, langsam scheint sie zu verstehen, dass dies hier kein Modegeschäft ist, sondern eben ein spezielles Geschäft, für das Hannes Experte ist.

Hannes steht nun in der Mitte des Raumes, mit einem Blick auf seine Mäntel. „Das sind einige der Exemplare die ich fand, als ich vor dem Spiegel stand und mich fragte, wer ich und wie ich nackt aussehe. Nun hatte ich zwar viele Mäntel, aber so richtig passen tat mir keiner. Irgendwann begannen sie alle zu kratzen, sie schnürten mir die Luft ab oder ließen die Schweißtropfen an mir herunter perlen. In keinem der Mäntel fühlte ich mich auf Dauer wohl. …
Vielleicht bin ich ja perfektionistisch veranlagt, aber ich wollte den EINEN Mantel fürs Leben finden. Er sollte sich wie eine zweite Haut anfühlen. Er sollte so eng anliegen und bequem sein, dass ich ihn gar nicht spüre. Und er sollte transparent sein, damit alle sehen, wer ich bin. Alle sollten dasselbe sehen und nicht nur wechselnde Mäntel. Vor allem aber wollte ich mich selbst sehen. …

Ich begab mich auf die Suche nach diesem einem Mantel. Ich probierte dutzende von Mänteln an und bei jedem fragte ich mich, ob das nicht vielleicht der Passende sei. Doch spätestens dann fingen sie alle an zu kratzen. Ich versuchte mich sogar im Umschneidern, doch immer wieder sprangen die Nähte auf. Auch die Versuche meinen Körper den Mänteln anzupassen, wollten nie richtig funktionieren. Meine ganze Suche brachte mich soweit, dass ich nicht mehr wusste, wer ich bin und ob es mich überhaupt ohne Mäntel gäbe. “

Ehe Hannes weiter in seiner Theatralik versinken kann, stellt ihm die adrette Dame die eher rhetorisch gemeinte Frage: „Denken Sie wirklich, dass es die eine perfekte zweite Haut gibt?“ Etwas süffisant fügt sie hinzu: „Kann doch nicht immer alles passen. Oder tragen Sie im Winter kurze Leinenhemden?“. Anstelle sie für ihre Spitzfindigkeit zu rügen, nickt ihr Hannes anerkennend zu. „Vielleicht wollen Sie ja ins Mantelgeschäft einsteigen. Das Potenzial scheinen Sie zu haben. … Jedenfalls sagte meine Mantelberatung damals etwas Ähnliches. Sie meinte: ‚Es macht doch keine Freude sich fortwährend zu beobachten und auf das nächste Kratzen zu warten. Arrangieren Sie sich doch mit dem, was da ist.’ Fragend guckte ich sie an: Wie sollte ich mich mit etwas zufrieden geben das kratzt. Doch anstelle mir zu antworten, drückte sie mir dieses Paket in die Arme.“

Schnell verschwindet Hannes hinter seiner Ladentheke um etwas Unförmiges, in Papier Gehülltes, hervorzuholen und es in die Mitte des Raumes zu legen. Alle versuchen von ihren Plätzen aus zu erspähen, was sich unter dem Packpapier verbirgt. Doch niemand traut sich nachzusehen, bis die adrette Dame ihren Sohn anstachelt, er solle mal nachsehen. Mit Freude geht er zum dem Etwas und streift dessen Papier ab. Dann hält er es in die Luft. Es ist ein langer roter Samtmantel mit einem weißen plüschigen Kragen. „Oh, ein Prinzenmantel!“ sagt der Junge begeistert und hängt ihn sich um. Mit geöffneten Armen präsentiert er sich dem Publikum, dieses sieht nun das Innenfutter des Mantels. Es ist übersäht mit goldenen Flicken, Wollfasern, wasserdichtem Ponchostoff, roten Fetzen von einem Umhang und beigem Stoff mit kariertem, englischem Herrenmuster.

Während alle auf den Mantel starren, verlässt Hannes den Raum. Leise fügt er hinzu: „Nehmt euch Zeit. Probiert an, was ihr wollt. Guckt in welchem Modell ihr euch wieder erkennt. Dann geht nach Hause und seht nach, was in euren Kleiderschränken hängt. Ich bin gespannt, wenn ihr wieder kommt und mir von euren Mantelgeschichten berichtet.“